rangzen charter

Rangzen-Charta
Für die Unabhängigkeit Tibets

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Monday, Dec 14, 2009

Inhalt

Einführung
Die Genese des Freiheitskampfes
Tibet Heute: die Realität
Das Erbe von Rangzen
Warum Rangzen von Grundsätzlicher Bedeutung ist
Rangzen ist Erreichbar
Weshalb jetzt aufgeben?
Schon die blosse Hoffnung auf Rangzen ist lebenswichtig
Die internationale Dimension von Rangzen

* * *

Wenn man nicht weiß, in welchen Hafen man segelt, ist kein Wind günstig.
Seneca

In der Politik liegt mehr als irgendwo sonst der Anfang von allem in moralischer Entrüstung.
Milovan Djilas

Einführung

In Peking sind in diesem Jahr ausgiebige Feiern zum 50. Jahrestag der Machtergreifung Mao Zedongs in China geplant. Es sieht danach aus, dass ganz außerordentliche Sicherheitsmaßnahmen getroffen werden, da den chinesischen Führern zweifellos bewusst ist, dass sich in diesem Jahr auch das Massaker auf dem Tiananmen-Platz zum zehnten Mal jährt. Tatsache ist aber auch, dass in diesem Jahr auch der 10. Jahrestag der Verhängung des Kriegsrechts in Tibet und der 50. Jahrestag des Einmarsches kommunistischer Truppen in Ost-Tibet zu “feiern” ist, wenn man so sagen will. Und vor allem begehen wir in diesem Jahr den 40. Jahrestag des tibetischen Nationalaufstands. So werden also die Sicherheitsvorkehrungen in Lhasa und anderen Teilen Tibets zweifellos genau so gründlich sein.

In früheren Zeiten wäre ein solch einzigartiges Zusammentreffen von Ereignissen sicher als Vorzeichen einer gewissen, möglicherweise unmittelbar bevorstehenden Wende im Schicksal der betreffenden Nation gedeutet worden. Aber ob wir solchen Deutungen nun Glauben schenken oder sie im Geiste des Rationalismus verwerfen, wir kommen nicht um die zunehmende und quälende Erkenntnis herum, dass das Jahr 1999 in gewisser Weise für alle Tibeter eine Zäsur bedeutet.

Der tibetische Unabhängigkeitskampf steuert mit Riesenschritten auf eine tiefe Krise zu, eine Krise, die viel tiefer geht, als dass man sie einfach fehlerhafter Regierungspolitik oder den Machenschaften von “Unterhändlern”, die im eigenen Interesse und oft auch im eigenen Auftrag handeln, zuschreiben könnte. Es geht um nichts Geringeres als um die Frage nach Tibets Identität, nicht nur als Nation sondern als bloße historische Tatsache. Jiang Zemin hat verlangt, dass der Dalai Lama nicht nur die tibetische Unabhängigkeit aufgeben soll, sondern dass er sich auch von dem bloßen Gedanken verabschieden soll, dass ein freies Tibet in der Vergangenheit je existiert habe. So empörend diese Forderungen auch sind, sie scheinen, nach der weltweiten Abschwächung des Freiheitskampfes und besonders nach dem ängstlichen und konfusen Abbruch der kaum begonnenen, aber vielversprechenden wirtschaftlichen Kampagne gegen China zu urteilen, auf uns Eindruck gemacht zu haben.

Ebenso bedeutend ist das schmerzliche politische Scheitern im letzten Jahr. Vor dem Besuch des Dalai Lama in Washington im November 1998 und vermutlich als Reaktion auf Jiang Zemins Forderungen gab es mehrere offizielle Erklärungen, in denen von “größeren Zugeständnissen” an China die Rede war. In der deutschen Zeitung Die Woche wurde anscheinend sogar (was später dementiert wurde) ein Versuchsballon gestartet, indem angedeutet wurde, dass man sich mit Tibet und sogar Taiwan als untrennbaren Teilen Chinas abfinden könnte. Aber China sah keinerlei Bedarf an einem Dialog mit dem Dalai Lama und schlug die Tür für Verhandlungen jeglicher Art zu. So betrüblich und schändlich dieser Vorfall auch war, er war leider nur der letzte in einer langen Reihe schmählicher und nutzloser Kapitulationen.

Die Krise, vor der unsere Gesellschaft jetzt steht, ist ohne Zweifel nicht nur äußerst entmutigend und verwirrend, sondern sie schwächt uns auch moralisch. Davon zeugen die heftigen religiösen und politischen Konflikte innerhalb der Exilgemeinschaft und die Suche vieler, vor allem jüngerer Tibeter nach einem neuen Leben im Westen. Aber solche Krisenzeiten können auch verborgene Chancen in sich tragen. Die Natur hält auch für die schlimmsten Katastrophen Kompensationen bereit. Vulkanausbrüche und Überschwemmungen verursachen gewaltige Zerstörungen und Leiden, aber sie schaffen auch die Erneuerung des Landes durch die Ablagerung von reichhaltigen Vulkanböden und fruchtbarem Löss. Große Krisen künden ihrem Wesen nach einen Wandel an. Ob dieser Wandel segensreich ist oder nicht, hängt offenbar weitgehend davon ab, ob die Menschen fähig sind, sich dem Wandel anzupassen und ihn mutig und effektiv zu nutzen. Das chinesische Wort für Krise, weiji, ist aus zwei Zeichen zusammengesetzt: wei = Gefahr und ji = Gelegenheit.

Die Genese des Freiheitskampfes

Wie schon erwähnt, ist 1999 auch das Jahr, in dem sich der tibetische Nationalaufstand zum 40. Mal jährt. Die Entscheidung, die das tibetische Volk damals (und Tibeter in Kham und Amdo schon vorher) trafen, brachte nicht nur vorübergehende Erleichterung im Kampf gegen den chinesischen Terror, sondern sie bewahrte Tibet vor schleichender Auslöschung. Das soll nicht heißen, dass die Widerstandsbewegung militärisch erfolgreich gewesen wäre oder dass die Art, in der patriotische Amtsträger wie Lukhangwa oder Lobsang Tashi der chinesischen Besatzungsmacht die Stirn boten, ein gangbarer Weg gewesen wäre, ebenso wenig soll bestritten werden, dass der Aufstand von Lhasa eher ein Akt der Verzweiflung war als eine organisierte und geplante Aktion. Aus der historischen Perspektive kann jedoch kein Zweifel daran bestehen, dass diese Ereignisse in ihrer Gesamtheit die Flucht des Dalai Lama und seiner Regierung und die Entstehung der tibetischen Diaspora in der Welt bewirkt haben. Das wiederum schuf eine neue Möglichkeit, die tibetische Identität und Unabhängigkeit zu behaupten. Ebenso wenig steht heute außer Zweifel, dass, hätte sich das tibetische Volk damals nicht gerade so entschieden, die tibetische nationale und kulturelle Identität heute verschwunden wäre oder zumindest so weit kompromittiert und geschwächt wäre, dass das, was davon übrig geblieben wäre, nicht mehr wäre als eine exotische Touristenattraktion in einem von Chinas “Minderhei¬tengebieten”.

Wie 1959, so ist auch jetzt das tibetische Volk wieder von der Geschichte aufgerufen, eine Wahl zu treffen. Noch immer, nach Jahrzehnten seelenzerstörender kommunistischer Indoktrination unter einem der grausamsten und erbarmungslosesten Unterdrückungssysteme der Welt, widersetzt sich die Hoffnung des tibetischen Volkes innerhalb Tibets hartnäckig der Vernichtung, was erst kürzlich wieder seinen Ausdruck in Demonstrationen und Hungerstreiks im Gefängnis Drapchi fand und mit der Erschießung und Hinrichtung einer unbekannten Zahl von Gefangenen endete. Im Exil legen – ungeachtet der Verwirrung, des Zynismus, der Apathie und der Zersetzung der politischen und moralischen Integrität – das Selbstopfer Thupten Ngodups und der Mut und die Entschlossenheit der Hungerstreiks unter Führung des Tibetischen Jugendkongresses im vergangenen Jahr Zeugnis ab von der Tiefe der nationalen Gefühle im Volk.

Tibet Heute: die Realität

All dies geschieht zu einer Zeit, da die chinesische Unterdrückung in Tibet ihr brutalstes und erbarmungslosestes Ausmaß seit Beginn der sogenannten “Liberalisierung” erreicht hat, und alle Anzeichen sprechen dafür, dass es noch schlimmer wird. In China selbst haben wir – entgegen allen Spekulationen und grundlosen Hoffnungen, dass das Land demokratischer (und von daher, so die Theorie, zugänglicher für den Dialog mit dem Dalai Lama) werden würde – Ende 1998 Massenverhaftungen von Demokratie-Aktivisten erlebt, und wir vernahmen am 18. Dezember 1998 Jiang Zemins eindeutig unversöhnliche Erklärung an die gesamte Nation, dass China niemals den Pfad der Demokratie beschreiten werde. Um dieser Botschaft Nachdruck zu verleihen, wiederholte Jiang sie einige Tage später, wobei er außerdem bekräftigte, jede Infragestellung des Machtmonopols der Kommunistischen Partei im Keim zu ersticken. Unmittelbar darauf nahm er die Medien- und Unterhaltungsindustrie ins Visier, indem er allen, die der “Anstiftung zur Untergrabung der Staatsmacht” für schuldig befunden werden, harte Strafen androhte. Davon betroffen sind Printmedien, Musik, Film, Fernsehen, Videoaufzeichnungen und alles sonstige Material, das “die Gesellschaftsordnung gefährdet”. Dieser jähe Rückfall in einen harten Kurs folgte fast unmittelbar auf den Beitritt Chinas zur Konvention über Bürgerrechte und politische Rechte im Oktober 1998.

Die Unterdrückung in Tibet ist immer um einiges brutaler und gnadenloser gewesen als in China. Sie wies auch eindeutige Merkmale von Rassismus und Völkermord auf, die mit dem von der tibetischen Regierung und ihren Unterstützern gewöhnlich verwendeten Begriff “Menschenrechtsverletzungen” nur unzureichend beschrieben sind. Es gibt heute vermutlich keinen anderen Ort auf der Welt (ausgenommen vielleicht Nordkorea), in dem solche stalinistischen Polizeistaatmethoden herrschen wie in Tibet, am augenfälligsten in der Stadt Lhasa. Das wird von westlichen Touristen, Tibet-Experten auf Besuch und sogar von naiven exiltibetischen Besuchern weitgehend übersehen – sie wissen zu wenig von den Tarnkünsten des totalitären chinesischen Systems und sind, ohne es zu wollen, beeindruckt von Chinas schöner neuer kapitalistischer Gesellschaft und lassen sich vielleicht auch manchmal von den sich bietenden Gelegenheiten verführen.

Aber hinter der Fassade von Diskotheken, Karaoke-Bars und Viersternehotels wird die unverblümte chinesische Politik der “gnadenlosen Repression” und der “eisernen Hand” rigoros durchgesetzt. Zwangsarbeitslager (laogaidui), Polizei, das Büro für öffentliche Sicherheit (gonganju), die bewaffnete Volkspolizei, das Militär und das Kontrollsystem danwei (eine kommunistische Verfeinerung des traditionellen baojia-Systems der gegenseitigen Überwachung), ergänzt durch Arbeitseinheiten, Umerziehungsgruppen, Nachbarschaftskomitees, Nachbarschafts-Sicherheitsabteilungen und -informanten – sie alle operieren frei und unverhüllt. Sie werden durch nichts gezügelt, das auch nur entfernt an unabhängige Gerichte, eine freie Presse, Bürgergremien, unabhängige Beobachterorganisationen, moralische oder religiöse Stimmen, die Präsenz auch nur eines einzigen Vertreters der Weltmedien oder an rebellische Studenten erinnert. Selbst in den am schlechtesten regierten Ländern in Südostasien, Südamerika oder Afrika findet man normalerweise die eine oder andere derartige Institution, die diese von den Chinesen in Tibet ungestraft praktizierte Form absolutistischer Tyrannei behindert, wenn nicht gar verhindert.

Der Besitz eines Bildes des Dalai Lama ist jetzt ein Straftatbestand, auf den langjährige Freiheitsstrafen stehen. In allen Klöstern in Tibet werden Mönche jetzt gezwungen, sich politisch umerziehen zu lassen. Die Kontrolle der Partei über die Klöster ist total, und die Zahl der Neueintritte ist streng geregelt. Selbst in der offiziellen Tageszeitung Tibet Daily sind Berichte erschienen, dass Klöster in Osttibet geschlossen werden und viele andere in Kampagnen, die in beängstigender Weise an die Kulturrevolution erinnern, regelrecht zerstört werden. Aus der “Autonomen Region Tibet” ist glaubhaft berichtet worden, dass u.a. so wichtige Institutionen wie das 700 Jahre alte Jonang Kumbum und das seit dem 12. Jahrhundert bestehende Nonnenkloster Rakhor zerstört und geschlossen worden sind.

Die chinesische Führung scheint erkannt zu haben, dass die Stärke der tibetischen kulturellen und nationalen Identität es den Tibetern unmöglich macht, die chinesische Herrschaft zu akzeptieren. Der Parteisekretär von Tibet, Chen Kuiyuan, hat sich sehr offen geäußert und erklärt, der Feind der völligen Integration Tibets in China sei die tibetische kulturelle Identität. Das ist der Grund dafür, dass die tibetische Religion, Kultur und Literatur, die in den letzten 15-20 Jahren einen begrenzten Freiraum hatte, jetzt wieder stranguliert wird. Die tibetische Sprache wird durch die offizielle chinesische Politik aktiv behindert und ist sogar vom Aussterben bedroht.

Neben der Unterdrückung der Tibeter ist die tibetische Identität hat auch die zunehmende chinesische Zuwanderung nach Tibet effektiv zur Zersetzung der tibetischen Identität beigetragen. Die Folge ist große Arbeitslosigkeit und rasche Verarmung der tibetischen Bevölkerung, begleitet von sozialen Folgeproblemen wie Alkoholismus, Kriminalisierung und sexueller Entwürdigung.

Das Erbe von Rangzen

Es gibt nur wenige Völker auf der Welt, die so sehr von der Natur ihres Landes geprägt sind wie die Tibeter. Die nationale Identität der Tibeter ist nicht nur ein Produkt ihrer Geschichte oder ihrer Religion, sondern sie ist tief im tibetischen Land verwurzelt. Die Tibeter sind Menschen, die hoch oben auf dem großen tibetischen Hochland und getrennt vom Rest der Welt leben und dort immer gelebt haben. Die Reise aus den umliegenden tibetisch besiedelten Tiefländern in Nepal, Indien und China ist nicht nur unverwechselbar und dramatisch, sondern auch ein Übergang in eine andere, einzigartige Welt.

Nur wenige andere Völker – mit Ausnahme vielleicht der Eskimos, Beduinen und Südseeinsulaner – sind so sehr von der Geographie und vom Klima geprägt wie die Tibeter. Aber schon sehr früh in ihrer Geschichte schafften es die Tibeter, über diese lediglich umweltbdingte Affinität hinauszugehen und mit der Vereinigung der verschiedenen Königreiche und Stämme im gesamten Hochland eine mächtige nationale Identität zu schaffen. Das Gefühl von Ehrfurcht und Stolz, das diese ersten Bewohner eines geeinten Tibet für ihre neue Nation empfanden, kommt im folgenden Auszug aus einem alten Lied über das Erscheinen des ersten Kaisers von Tibet zum Ausdruck:

Die Mitte des Himmels,
Der Kern der Erde,
Dies Herz der Welt,
Umgeben von Schnee,
Der Ursprung aller Flüsse,
Wo die Berge hoch und das Land so rein,
O Land so gut,
Wo Männer als Weise und Helden geboren werden,
In dieses Land der Pferde kam er eilend
und erwählte es wegen seiner Güte.[1]

Zwar endete die kaiserliche Periode in der tibetischen Geschichte um das 10. Jahrhundert, aber ihr nationales Vermächtnis war bleibend. Später ließen sich Monarchen wie Phagdru Jangchub Gyaltsen (1302-1364) und der große 5. Dalai Lama (1617-1682) bei ihren Bemühungen um die Schaffung eines vereinten und freien Tibet bewusst von dem kaiserlichen Zeitalter inspirieren. In jüngerer Zeit war der unermüdliche und gewaltige Kampf des großen 13. Dalai Lama (1876-1933) um die Wiedergewinnung und später Verteidigung der tibetischen Unabhängigkeit ebenso ein Ausdruck dieses Erbes nationaler Freiheit, das die Tibeter während ihrer gesamten Geschichte bewahrt haben.

Es ist von absolut grundsätzlicher Bedeutung, dass wir Tibeter verstehen, wie alt und wie legitim unsere Ansprüche auf Eigenstaatlichkeit sind. Viele Nationen dieser Welt sind in gewissem Sinne weitgehend Produkte der Geschichte. Die Vereinigten Staaten, Kanada und Australien beziehen ihre eigentlichen nationalen Ursprünge nicht aus dem Land, wie Tibet es tut. Andere Länder, wie etwa Kuwait, Jordanien, Singapur und einige afrikanische Staaten sind Geschöpfe der westlichen Kolonialpolitik oder aus den Trümmern der Kolonialherrschaft entstanden. In noch jüngerer Zeit entstanden als Folge des Zusammenbruchs der ehemaligen Sowjetunion Länder wie Turkmenistan, Usbekistan, Kasachstan usw. – Länder, die in der Geschichte nie als Nationen existiert haben. Das soll nicht heißen, dass Tibet ein größeres Recht hätte, als Nation zu existieren, als diese Länder – schließlich ist es das natürliche und fundamentale Recht aller Völker, über ihr Leben zu bestimmen – aber es soll die Tatsache unterstreichen, dass Tibets Status als Nation mindestens ebenso legitim ist wie der jedes anderen Landes. Dass wir dem Völkerbund oder den Vereinten Nationen nicht beigetreten sind, oder dass manche Großmächte Tibet nicht als Nation anerkannt haben, weil sie ihre Handelsbeziehungen zu China nicht gefährden wollten, tut dieser Legitimität keinen Abbruch.

Die Tatsache, dass Tibet über längere Zeiträume seiner Geschichte von fremden Mächten erobert war oder dass manche tibetische Herrscher ausländische militärische Unterstützung in Anspruch nahmen, um das Land politisch unter ihre Kontrolle zu bringen, ist ebenfalls ohne Bedeutung für seinen rechtmäßigen Status als freie Nation. Selbst als im 18. und 19. Jahrhundert die militärische und politische Macht Tibets sehr darniederlag und das Land weitgehend von den Mandschuren beherrscht wurde, wurde die Einzigartigkeit der tibetischen Zivilisation und die rassische und nationale Identität des Landes von den Menschen in ganz Asien anerkannt, nicht zuletzt von den Mandschu selbst, die nur Mandschu und Mongolen von hoher Geburt als Kommissare in Tibet einsetzten, aber nie einen Chinesen. Tatsächlich wurden die Beziehungen des Mandschu-Reichs zu Tibet durch das Li Fan Yuan (eines von zwei “Depar¬tements” im Mandschu-”Außenministerium”) wahrgenommen, dem auch die Beziehungen zwischen dem Mandschu-Hof und den mongolischen Fürsten, Tibet, Ostturkestan (Xinjiang) und Russland oblagen. Tibet und besonders seine Hauptstadt Lhasa galt bei den Burjaten und Kalmyken in Russland ebenso wie bei Millionen von Mongolen als das Zentrum ihrer Kultur und ihres Glaubens. Der russische Forscher Przewalski schickte 1878 ein Memorandum an die Geographische Gesellschaft und das Kriegsministerium: “…Er malte ein Bild von Lhasa als dem Rom Asiens, dessen spirituelle Kraft sich von Ceylon bis nach Japan über 250 Millionen Menschen erstreckt: das wichtigste Ziel für die russische Diplomatie.” [2]

Es gibt vermutlich kein Land auf der Welt, das nicht zu irgendeiner Zeit unter Fremdherrschaft gestanden hätte. Wenn überhaupt welche, dann könnten nur wenige Mitgliedstaaten der UNO auf staatliche Unabhängigkeit pochen, wenn sie eine Geschichte dauerhafter und ungeschmälerter Unabhängigkeit nachzuweisen hätten. Wie der irische Delegierte 1960 in der Tibet-Debatte der UNO ausführte, würde es die meisten der in der Vollversammlung vertretenen Länder nicht geben, wenn sie beweisen müssten, dass sie in der Vergangenheit niemals von einem anderen Land beherrscht worden seien.

Großbritannien war fast 400 Jahre lang ein Teil des Römischen Reichs. Russland stand über zwei Jahrhunderte unter der Herrschaft der Mongolen, und wie jeder weiß, begannen die USA als britische Kolonie. China selbst ist sowohl von den Mongolen als auch von den Mandschu beherrscht worden, und es wurde mehrfach von den Tibetern im Krieg besiegt, die im Jahre 763 sogar die Hauptstadt Chang An einnahmen und kurze Zeit besetzt hielten. Wenn die Chinesen heute – offensichtlich aus Gründen der Selbstrechtfertigung – geltend machen, dass die mongolischen und mandschurischen Eroberer reguläre chinesische Dynastien waren, dann können sie damit doch nicht wirklich den Fremdenhass verschleiern, den sie gegenüber ihren Fremdherrschern empfanden (und auch heute noch zu empfinden scheinen). Nach dem Sturz der Mandschu-Dynastie kam es in Städten wie Xi’an zu Massenmorden an Mandschuren. Und um auch das nicht zu vergessen: Ein großer Teil Chinas stand in diesem Jahrhundert unter japanischer Besatzung.

Rangzen ist ein Vermächtnis, das uns von zahllosen Generationen von Tibetern hinterlassen ist. Aber noch wichtiger ist, dass Rangzen das Geburtsrecht für weitere künftige Generationen von Tibetern ist. Niemand hat heute das Recht, eine Entscheidung zu treffen, die ihnen dieses Vermächtnis von Leben und Freiheit in Zukunft in Frage stellt oder abspricht.

Warum Rangzen von Grundsätzlicher Bedeutung ist

Man könnte argumentieren, dass manche Länder Teile anderer Nationen und Reiche gewesen sind und dabei nicht nur überleben konnten, sondern in einigen Fällen sogar von der Fremdherrschaft profitiert haben. Das augenfälligste Beispiel dafür ist sicher die britische Herrschaft über Hongkong. Aber auch die leidenschaftlichsten Unterstützer Chinas werden zugeben müssen, dass die chinesische Herrschaft in Tibet nirgends ähnlich sichtbar erfolgreich oder auch nur vergleichbar human und liberal gewesen ist wie die britische in Hongkong.

Aber auch eine relativ milde Fremdherrschaft wirkt sich im Endeffekt schädlich auf die Kultur und Moral der einheimischen Bevölkerung aus. Australien und Kanada sind entwickelte Länder mit einer starken Wirtschaft und verschiedenen demokratischen Einrichtungen zum Schutz der Rechte ihrer Völker, einschließlich (jedenfalls heutzutage) ihrer Urbevölkerung. Aber viele dieser Urbevölkerungen sind demoralisiert, sie leiden unter Armut und Krankheit und fallen dem Alkoholismus und der Verzweiflung anheim – eine Situation, die erschreckend an das erinnert, was sich jetzt innerhalb Tibets abzuspielen beginnt.

Der offenbar einzige Weg, unter Fremdherrschaft mit einem Mindestmaß an Selbstachtung zu überleben, ist, der brutalen Macht zu trotzen und die Hoffnung auf spätere Freiheit zu bewahren. Auch den Respekt des Eroberers erwirbt man sich offensichtlich nur, wenn man seiner Tyrannei trotzt. Von all den Millionen amerikanischer Ureinwohner, die unter der Ungerechtigkeit und Gewalt des weißen Mannes litten und starben, sind den Amerikanern nur noch die Namen der großen Kriegshäuptlinge wie Geronimo, Crazy Horse und Sitting Bull in respektvoller Erinnerung. Diejenigen Führer der Ureinwohner, die versuchten, friedlich unter der weißen Herrschaft zu leben und nach Washington gingen, um sich dem “großen weißen Vater” zu unterwerfen, sind vergessen. George Orwell machte sich in einer seiner Zeitungskolumnen Gedanken darüber, dass, obwohl die antiken Zivilisationen in Mesopotamien, Ägypten, Griechenland und Rom ganz und gar auf der Sklaverei basierten, so wie die moderne Gesellschaft auf Elektrizität und fossilen Brennstoffen, wir uns nicht an den Namen eines einzigen Sklaven erinnern außer vielleicht an Spartakus. Und an ihn erinnern wir uns, “…weil er nicht dem Gebot gehorchte, ‘sich nicht gegen das Böse aufzulehnen’, sondern weil er einen gewaltsamen Aufstand entfachte.” [3]

Die Hoffnung auf einen wie auch immer gearteten autonomen Status unter chinesischer Oberhoheit ist nicht realistisch, denn sie setzt voraus, dass das chinesische System flexibel und tolerant genug ist, um innerhalb seines Rahmens verschiedenen politischen und sozialen Systemen Raum zu bieten. Autonome Gebiete kann man sich in einer Nation wie etwa Indien vorstellen, weil es dort eine echte und funktionierende multikulturelle und multirassische Staatsstruktur gibt und demokratische Institutionen wie die Verfassung, eine freie Presse, freie Wahlen und eine unabhängige Justiz, durch die die Regierung oder eine dominierende Gruppe daran gehindert wird, die Rechte anderer Gruppen zu knebeln. Aber gerade das zu bieten ist die chinesische Führung von Natur aus nicht in der Lage. Die chinesischen Führer sind ebenso wie ihr Volk Opfer eines alten kulturellen und politischen Erbes der Repression – W.J.F. Jenner, ein australischer Sinologe, nannte es einmal “die Tyrannei der Geschichte” – das die Verwirklichung positiver grundlegender Veränderungen in der chinesischen Gesellschaft und Politik lähmt. Jenner spricht von der “bedrückenden Möglichkeit, dass China in einem Gefängnis gefangen ist, aus dem es kein Entkommen gibt, das über Tausende von Jahren fortlaufend ausgebaut worden ist; es ist ein Gefängnis der Geschichte – als geistige Kreation ebenso wie als Häufung der Folgen aus der Vergangenheit.” [4]

Simon Leys, der (laut Susan Sontags zutreffender Beschreibung) “gescheiteste, eleganteste, scharfsinnigste – kurz gesagt: der beste – unter den China-Freunden und Beobachtern der Gegenwart”, hat sich in seinen vielen hervorragenden Essays erschöpfend und eingehend über das “genaue Ausmaß der Fähigkeit des Monstrums, seine Farbe und sein Muster zu ändern” geäußert. Für Leys “wandelt sich die zynisch gewordene und völlig diskreditierte Kommunistische Partei schlicht in eine Mafia von Opportunisten, die in allem, was nicht unmittelbar ihrem persönlichen Fortkommen dient, inkompetent sind.” Zugleich wirke China selbst “immer mehr wie ein toter Planet; er befindet sich auf einer kontinuierlichen Umlaufbahn, aber die Natur seiner politischen Atmosphäre verhindert jegliches Wachstum…”.[5]

Die Formel “Eine Nation – zwei Systeme”, die im Falle Hongkongs garantiert wurde, bildet vor allem deshalb eine Ausnahme, weil sie für Peking von Vorteil ist. Hätte nämlich China dieses Zugeständnis nicht gemacht, dann wäre das Vertrauen in die Hongkonger Wirtschaft vermutlich beschädigt worden, was für Chinas Wirtschaft eine katastrophale Lähmung zur Folge gehabt hätte. Zudem ist das Volk von Hongkong chinesisch, und die Hongkonger Gesellschaft ist so durch und durch wirtschaftlich geprägt wie nur irgendwo auf der Welt. Die Einwohner Hongkongs sind bereit, mit jeder Herrschaftsform zu leben, ob Fremdherrschaft oder Despotie, solange ihnen nur erlaubt wird, Geld zu verdienen. Die Gewährung der Formel “Eine Nation – zwei Systeme” an Hongkong ist vollkommen risikolos, da das Volk von Hongkong, mit Ausnahme eines Martin Lee u.ä., bestürzend unfähig zu irgendwelchem ernsthaften Bemühen oder Kampf um Freiheit ist. Und trotzdem hat China offen damit begonnen, am Grundgesetz, das der Exkolonie die Freiheit garantieren sollte, mal hier, mal da einige Beschneidungen vorzunehmen.

Im Unterschied zu den Bürgern von Hongkong wissen und empfinden die Tibeter leidenschaftlich, dass sie in jeder Hinsicht anders sind als die Chinesen: in der Kultur, der Rasse, der Sprache und sogar im Temperament.[6] Auch wenn sich das Leben der Tibeter in Tibet wirtschaftlich bessern würde (was bisher nicht in nennenswertem Maße geschehen ist), würde das ihre Gefühle in dieser Hinsicht nicht wesentlich verändern. Es sei daran erinnert, dass die Demonstrationen in Lhasa zu einer Zeit stattfanden, als die wirtschaftliche Situation in Tibet sich, verglichen mit der vorhergehenden Periode, spürbar gebessert hatte. Die Haltung der Tibeter in dieser Frage kommt am besten im folgenden Auszug aus einem Dissidentenpapier zum Ausdruck, das in den späten achtziger Jahren in Umlauf war: “Wenn Tibet (unter chinesischer Herrschaft) so aufgebaut würde, wenn die Lebensbedingungen des tibetischen Volkes so sehr verbessert würden und das Leben der Tibeter einen solchen Zustand der Glückseligkeit erreichen würde, dass selbst die Gottheiten der Dreiunddreißig Göttlichen Reiche in Verlegenheit kämen – wenn wir tatsächlich und wahrhaftig all dies erhielten, selbst dann würden wir Tibeter es nicht wollen. Wir würden es absolut nicht wollen.” [7]

Darüber hinaus ist Tibet, anders als Hongkong, gefährlich, weil selbst ein kleines Entgegenkommen in der Autonomie die Tibeter ermutigen würde, die Unabhängigkeit nicht nur zu fordern, sondern sich gewaltsam dafür zu erheben. Eine der Ursachen für die Demonstrationen in Lhasa 1987 war ja die Lockerung der früheren repressiven Politik. Selbst wenn China in einer noch so unabsehbaren Zukunft einem Autonomiestatus für Tibet zustimmen sollte, müsste es doch seinen kompletten Repressionsapparat so wie heute in Tibet erhalten, um den dann unvermeidlich wieder erwachenden Unabhängigkeitswunsch und Unabhängigkeitskampf niederzuschlagen, was wiederum den Autonomiegedanken als solchen verwerfen würde – ein klassischer Teufelskreis.

Rangzen ist Erreichbar

Der hauptsächliche, wenn auch oft unausgesprochene Grund dafür, dass die meisten Menschen glauben, Rangzen sei nicht möglich, liegt darin, dass sie sich unbewusst mit dem Fortbestand der chinesischen Herrschaft abgefunden haben. Das ist, wie ohne weiteres ersichtlich, keine sehr buddhistische Haltung, war es doch eine der hauptsächlichen Beobachtungen des Buddha, dass nichts von Dauer ist. Aber vermutlich liegt die unmittelbare Ursache für diesen Zustand eher im Mangel an historischer Perspektive. Unsere eigene Unabhängigkeit wurde 1912 nach dem Sturz der Mandschu-Dynastie wiedererlangt. Auch war China zu einer Zeit, an die sich noch mancher heute Lebende erinnern kann, ein Land, das der Bemitleidung und Verhöhnung, öfter noch der Ausbeutung durch selbst zweitklassige Kolonialmächte ausgesetzt war. Das soll nicht heißen, dass Derartiges in derselben Weise wieder geschehen wird, aber die Chinesen selbst haben seit alters her den Verlauf ihrer Geschichte niemals als fortschreitend oder geradlinig angesehen. Im Gegenteil: Die heute schon fast sprichwörtlichen Anfangszeilen des ersten und eines der populärsten Romane in chinesischer Sprache, “Die Romanze von den drei Königreichen” (San Guo Yan Yi), fassen das Thema des Romans und eine bleibende Wahrheit der chinesischen Geschichte treffend zusammen: “Reiche und Dynastien neigen, wenn sie vereint sind, zum Zerfall und streben, wenn sie geteilt sind, wieder nach Einheit.”

Die von den westlichen Medien aus Gründen des eigenen Interesses vermittelte Darstellung Chinas als dynamisches modernes Land mit einer attraktiven, ständig wachsenden Wirtschaft trägt sicherlich dazu bei, dass die Unbesiegbarkeit Chinas im Allgemeinen als Faktum hingenommen wird. Tibeter, die ihre Nachrichten aus Magazinen wie Time oder Newsweek oder anderen Organen westlicher Geschäftsinteressen beziehen, sollten sich davon nicht zu sehr entmutigen lassen. Über das nationalsozialistische Deutschland berichtete die Presse bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs weitgehend in der gleichen Art. Ein Streifzug durch die damaligen Ausgaben der Times – Rechtfertigungen für Hitler und den Nazismus, eine widerlicher als die andere, dazu absolut gehässige Attacken gegen einen Churchill, der es noch nicht zum Premierminister gebracht hatte – sollte einen von jedem unangebrachten Glauben an die Unfehlbarkeit oder Fairness der westlichen Presse heilen.

Was China betrifft, so wird gelegentlich über Menschenrechtsverletzungen berichtet, aber die werden konstant zu kurzfristigen Problemen schöngeredet, die mit der “Demokratisierung” Chinas sicher verschwinden würden – das sei ein unausweichlicher Prozess, der mit der Übernahme der kapitalistischen Marktwirtschaft einhergehe. Der Kapitalismus mag, je nach Standpunkt, eine gute Sache sein oder auch nicht, aber zu behaupten, seine Annahme führe zur Demokratisierung, ist offensichtlich irreführend. Wenn die Beispiele der Demokratisierung Taiwans und Südkoreas zur Untermauerung dieser Theorie angeführt werden, dann wird gern verschwiegen, dass Singapur mit Erfolg eine sehr fragwürdige Art eines autoritären Kapitalismus perpetuiert und ausbaut. Chia Thye Poh, der am längsten gefangengehaltene politische Häftling der Welt, wird seit 32 Jahren ohne Anklage und Prozess in einem Gefängnis in Singapur festgehalten, nur weil er Ansichten vertreten hat, die im Gegensatz zu denen der Regierung stehen. Auch ist daran zu erinnern, dass das nationalsozialistische Deutschland ein kapitalistisches Land war, in dem der Staat den Fabriken von Krupp, Thyssen, Volkswagen, BMW und Siemens mit der Bereitstellung von Sklavenarbeit behilflich war, während Privatunternehmen im benachbarten Schweden von der Herstellung und Lieferung der Chemikalie Zyklon B profitierten, die der Vergasung von Juden, Slawen, Zigeunern und anderen Feindes des Dritten Reichs diente.

Ein Blick auf die Realität Chinas zeigt ein Land im Endstadium des Niedergangs oder – bei großzügigster Auslegung der Beobachtungen – eine Nation in einer tiefen Krise. Hier ist nicht der Ort, dieses Thema zu vertiefen, aber die Welt wird zunehmend empfänglich für die Erkenntnis, dass das ganze Getöse um das chinesische Wirtschaftswunder in Wahrheit nur eine tiefe und allumfassende Misere überdeckt. Wissenschaftler und Experten beginnen, darüber zu schreiben und es zu kommentieren. Einige Experten meinen sogar, dass Chinas Versuche, durch eine harte antidemokratische Politik die Probleme der Sowjetunion zu vermeiden, die unvermeidlichen Folgen einer fünfzigjährigen katastrophalen Herrschaft bestenfalls aufschieben können. Möglicherweise werde dieser Aufschub die zu künftige Situation in China sogar noch weniger steuerbar und noch chaotischer machen als das gegenwärtige Durcheinander in Russland.

He Qinglian, eine chinesische Ökonomin, fällte im vergangenen Jahr ein scharfsichtiges und vernichtendes Urteil über Deng Xiaopings Liberalisierung. Ihr Buch “Chinas Falle” (Zhongguo De Xianjing) war in China ein außerordentlicher Verkaufserfolg (allerdings muss ihr Schanghaier Verlag seit kurzem mit einer Anklage wegen Volksverhetzung rechnen). Sie führt darin aus, dass sich das politische und wirtschaftliche System Chinas im Endeffekt selbst zerstören wird. “Die systembedingte Korruption, bei der das Verfolgen von Privatinteressen das Rechtssystem der Gesellschaft und die öffentliche Moral untergräbt, wird die Reform, noch bevor sie ausgereift ist, unvermeidlich zunichte machen.” [8]

Das von He Qinglian berichtete Ausmaß der Korruption von Amtspersonen ist enorm. Opportunistische Beamte haben in den neunziger Jahren mindestens 500 Mrd. Yuan, die für den staatlichen Getreideankauf, für Bildung und für Katastrophenhilfe vorgesehen waren, für private Immobilienspekulation und andere Unternehmungen beiseite geschafft. Eine andere Methode, mit der Inhaber von Machtpositionen und ihre Gefolgschaften die öffentlichen Kassen geplündert haben, ist die Inanspruchnahme von Bankdarlehen. Solche Darlehen an Staatsunternehmen und Privatfirmen, die Staatsbeamten und ihren Verwandten gehören, werden in den meisten Fällen nicht zurückgezahlt. Chinesische Banken geben ihre uneinbringlichen Außenstände nur zum Teil öffentlich bekannt. Offiziell wird angegeben, dass 20 Prozent der Darlehen “nicht bedient” werden, aber die tatsächliche Zahl dürfte zwischen 40 und 60 Prozent liegen. Bei internationalen Banken beträgt die Rate der uneinbringlichen Außenstände weniger als 3 Prozent. Im Frühjahr 1998 gaben die staatlichen Banken in Guangdong uneinbringliche Außenstände in Höhe von 200 Mrd. Yuan an, aber Inspektoren aus Peking stellten fest, dass der tatsächliche Wert um das Vierfache höher lag. Gemessen an internationalen Standards sind Chinas Banken bankrott, und zwar abgrundtief.

Ein dramatischer Niedergang der Landwirtschaft, zunehmende Wasserknappheit und eine explodierende Bevölkerung haben dazu geführt, dass China große Mengen Getreide von anderen Ländern, einschließlich Indien, kauft. Auch kleinere, aber hochindustrialisierte Länder wie Japan, Taiwan und Korea müssen den größten Teil ihres Getreides importieren, aber China hat wegen seiner Größe einen so ungeheuren Bedarf, dass Experten eine globale Ernährungskrise voraussagen. In China kaufen Spekulanten Ackerland auf, um damit betrügerische Entwicklungsprojekte durchzuführen. Bauern, die wegen Inflation und staatlicher Getreidepreise aufgeben, wandern zu Millionen in die Städte ab, wo sie die ohnehin schon großen Probleme von Kriminalität, sozialer Unruhe und Arbeitslosigkeit noch weiter verschärfen. Zu diesem letztgenannten Problem kommt noch der Versuch, Chinas bankrotte Staatsindustrien zu schließen und Millionen von Arbeitern und Kadern zu entlassen. Zu Beginn dieses Jahres kam es im ganzen Land zu Großdemonstrationen und Unruhen von chinesischen Bauern und unbeschäftigten Arbeitern.

Ökologisch war China schon lange vor den durch Maos Großen Sprung ausgelösten Umweltkatastrophen und sogar schon vor dem Beginn der modernen Industrialisierung ein Problemfall. Jedes Stückchen Land, das nur dauerhaft kultiviert werden konnte, war schon vor langer Zeit gerodet und bebaut worden, Wälder und Feuchtgebiete waren in China schon zur Kaiserzeit verschwunden. Im Jahre 1889 schlug im Tempel des Himmels (Tiantan) in Peking ein Blitz ein und brannte ihn bis auf die Grundmauern nieder. Er wurde von den Chinesen Stück für Stück wieder aufgebaut, aber schon damals waren Chinas Wälder so ausgedünnt, dass das Holz für die vier mittleren Säulen aus Oregon importiert werden musste. Die Unfähigkeit der heutigen chinesischen Führung, die Umweltzerstörung zu verhindern oder zumindest einzuschränken, gepaart mit der Besessenheit an größenwahnsinnigen Projekten wie dem Staudamm der Drei Schluchten, lässt es mehr als wahrscheinlich erscheinen, dass China in absehbarer Zukunft von selbst verursachten “Naturkatastrophen” wie der Rekordflut des Jangtse im vergangenen Jahr heimgesucht wird.

Die reicheren Küstenprovinzen beginnen, sich vom übrigen Land abzusetzen. Die Volksbefreiungsarmee ist zu einem Imperium aus eigenem Recht geworden, das eigene Industrien, Unternehmen und Fünfsternehotels besitzt – was allerdings die Führung, wenn auch ohne großen Erfolg, einzudämmen versucht. Ein mögliches Szenario der Zukunft Chinas könnte ein Rückfall in die “Periode der Warlords” der zwanziger und dreißiger Jahre sein, als die Provinzen praktisch unabhängig waren und Gruppen von Machthabern nach Gutdünken schalteten und walteten, dabei aber nominell einer schwachen und korrupten Zentralmacht in Peking eine gewisse Anerkennung im Geiste der chinesischen Solidarität zugestanden.

Ohne hier genaue Prognosen abgeben zu wollen, ist doch unschwer abzusehen, dass ein schrittweiser und friedlicher Übergang zu einem demokratischen China fast unmöglich ist. Soziale Unruhe findet in China kein anderes legitimes Ventil als Aufruhr und Gewalt. Die Akademie der Sozialwissenschaften in Peking veröffentlichte einen wahrscheinlich untertriebenen, gleichwohl erstaunlichen Bericht, laut dem in den ersten neun Monaten des Jahres 1998 2500 Detonationen von Bomben verzeichnet wurden. In diesem Jahr wurden allein im Januar 12 Bombenexplosionen registriert, bei denen es 33 Tote und über 100 Verletzte gab.

Die chinesische Führung ist angesichts dieser Situation sehr nervös, was vermutlich auch ihr hartes Vorgehen gegen die wenigen Mitglieder einer völlig unbekannten und unbedeutenden Gruppe von Demokraten erklärt. Ebenso könnte es eine Erklärung dafür bieten, warum unlängst das Berichten über Erdbeben ohne amtliche Genehmigung für strafbar erklärt wurde. Traditionell haben die Chinesen Naturerscheinungen wie Kometen und Erdbeben als Vorzeichen für das Ende einer Dynastie angesehen.

Die Möglichkeit, dass Anarchie und Chaos ausbrechen, ist sehr real. Sollte es dahin kommen, dann würde sich sicher eine Chance auftun, die Unabhängigkeit Tibets zu erreichen. Natürlich müssen wir solche Momente entschlossen und energisch nutzen. Die Chinesen, wie schwach und desorientiert sie auch sein mögen, werden Tibet mit Sicherheit nicht friedlich oder freiwillig hergeben. Zugleich muss betont werden, dass Rangzen nicht erreicht wird, indem man einfach abwartet, bis China sich selbst zerstört. Die Tibeter können den Prozess fördern, indem sie Tibet von innen heraus destabilisieren und internationale wirtschaftliche Aktionen gegen China organisieren.

Wir sollten immer daran denken, dass Chinas Ressourcen auch unter den günstigsten Umständen immer begrenzt sind. Berichte, dass Bezirksbeamte monatelang, manchmal sogar ein oder zwei Jahre kein Gehalt ausbezahlt bekommen, sind heute keine Seltenheit. Im Kreis Chabcha in Amdo erhielten örtliche Beamte so lange kein Gehalt, dass zwei verzweifelte chinesische Beamte sich durch Ertrinken im Fluss das Leben nahmen. In der “Autonomen Region Tibet” hingegen (und vor allem in Lhasa) muss Peking, um den Druck auf die “Spalter” aufrechtzuerhalten, sicherstellen, dass alle seine Beamten, der gewaltige Sicherheitsapparat und auch die Informanten regelmäßig bezahlt werden, mag es auch noch so schwer fallen. Noch weit höher sind vermutlich Chinas Kosten für die Bekämpfung des aktiven und zunehmenden Widerstands in Ostturkestan.

Auch wenn China letzten Endes doch nicht auseinanderbrechen sollte, sondern durch die heutigen Beschwernisse nur geschwächt wird, so besteht dennoch für die Tibeter die Möglichkeit, eine Situation herbeizuführen oder zu befördern, in der die Ressourcen Chinas in einem gefährlichen Maße überbeansprucht werden und in der sich die Führung in Peking gezwungen sieht, darüber nachzudenken, ob es klug ist, auf Kosten der eigenen Stabilität und Integrität Chinas an den peripheren Kolonien festzuhalten.

Eine Studie der vizeköniglichen Regierung in Sichuan unter den Brüdern Zhao Erfeng und Zhao Erxun kam seinerzeit zu dem Schluss, dass sich die Provinz durch die Einsetzung der direkten chinesischen Herrschaft in Osttibet und die Invasion des tibetischen Kernlands 1909 überdehnt hatte, was neben anderen Faktoren wie Steuererhöhungen in der Provinz den Aufstand in Sichuan im September 1911 auslöste. Das wiederum verursachte den Aufstand von Wuchang und führte zum Sturz des Mandschureichs und zur Ausrufung der Republik. Sicher hatte der Sturz der Dynastie noch andere und tiefergehende Ursachen, aber die Revolution von Sichuan, die zum Teil durch die Überdehnung Chinas in Tibet ausgelöst war nach den Worten des Verfassers “der Zünder der … Revolution und Teil ihrer Explosivkraft.” [9]

Weshalb jetzt aufgeben?

Es ist sicher unstrittig, dass die Situation in Tibet schlimm ist, besonders im Hinblick auf die chinesische Zuwanderung. Aber das Argument, wir müssten, um die chinesische Zuwanderung zu stoppen, den Freiheitskampf aufgeben und unter chinesischer Herrschaft leben, ist offensichtlich nicht stichhaltig. Haben denn die Chinesen je auch nur angedeutet, dass sie die chinesische Zuwanderung einstellen würden, wenn wir Rangzen aufgeben würden? Oder würde es, wenn wir auf die Unabhängigkeit verzichteten, dazu beitragen, die Menschenrechtsverletzungen in Tibet, die Umweltzerstörung oder den Bau von Abschussrampen für Atomraketen zu beenden? Natürlich nicht. Würde der Freiheitskampf aufgegeben und die Situation in Tibet wäre geregelt und beruhigt, dann würde die chinesische Zuwanderung nach Tibet mit Sicherheit noch zunehmen. Und würde sich die tibetische Führung mit der chinesischen Souveränität über Tibet abfinden, dann wäre die chinesische Zuwanderung im realen Sinne legitimiert, denn ein(e) Bürger(in) eines Landes muss das Recht haben, an jedem gewünschten Ort in dem Land zu leben. Der einzige Weg, die chinesische Zuwanderung nach Tibet zu verhindern, ist, den Freiheitskampf zu intensivieren und Tibet so weit zu destabilisieren, dass kein Chinese den Wunsch hat, in Tibet ein Geschäft aufzumachen, geschweige denn sich dort niederzulassen und eine Familie zu gründen.

Aber wie schwer die Tatsache der chinesischen Zuwanderung nach Tibet auch wiegt, wir müssen uns dessen bewusst sein, dass dieser Zustand nicht völlig unumkehrbar ist. Stalin setzte gewaltsam eine massenhafte Zuwanderung von Russen in kleine nichtrussische Gebiete wie Litauen, Lettland und Estland durch. 1939 betrug die Bevölkerung dieser drei Staaten zusammengenommen etwa 6 Millionen, ungefähr soviel wie die Bevölkerung Tibets. Stalin ließ auch Tausende Angehörige der einheimischen Völker dieser Länder hinrichten und Hunderttausende weitere nach Sibirien verschleppen. Die Welt glaubte allgemein, dass diese Länder erledigt seien. In den fünfziger, sechziger und siebziger Jahren schien es, als sei die bloße Existenz dieser Länder aus dem Gedächtnis der Menschheit gestrichen, ungeachtet dessen, dass die offiziell anerkannten Vertreter dieser Nationen weiterhin in London und New York präsent waren. Selbst der in Litauen geborene und aufgewachsene polnische Literaturnobelpreisträger Czeslaw Milosz, der sich im Schlusskapitel seines Buches The Captive Mind für die baltischen Völker einsetzt, hinterlässt den tiefen und bekümmerten Eindruck, dass die Geschichte dieser alten baltischen Völker an ihr Ende gelangt sei, so wie die der Azteken, die von den spanischen Conquistadoren ausgelöscht wurden.

Und heute sind diese kleinen Nationen frei, die Ängste und Sorgen der vergangenen Jahre sind verflogen wie böse Träume. Zwar haben diese Staaten noch immer erhebliche russische Bevölkerungsanteile, aber die bilden keine absolute Bedrohung für das Überleben und die Integrität dieser Nationen, so wie es früher empfunden wurde.

Wesentlich ist, dass diese kleinen Nationen, von denen man einst glaubte, dass sie vom sowjetischen Totalitarismus und durch die russische Zuwanderung völlig ausgelöscht seien, heute freie Länder sind, über denen ihre alten Flaggen wehen, die ihre eigenen Sprachen sprechen und die in Freiheit leben.[10]

Tibet ist selbst während der schlimmsten Periode chinesischer Herrschaft nie so total verschwunden wie die baltischen Staaten. Heute genießt Tibet, dem Zynismus der Regierungen und den Interessen der Geschäftsleute zum Trotz, große Aufmerksamkeit auf der Welt. Gewiss ist das nicht immer die Art von Aufmerksamkeit, die wir uns wünschen. Aber es gibt doch auf der ganzen Welt ein zunehmendes Bewusstsein von Tibet und eine wachsende Anteilnahme an seinem Anliegen. Wenn es eine Zeit gegeben hat, in der man es uns verziehen hätte, wenn wir aufgegeben hätten, dann wären das die sechziger und siebziger Jahre gewesen, als es wirklich so aussah, als würden der internationale Kommunismus und die chinesische Herrschaft über Tibet bis in alle Ewigkeit andauern, und als die meisten Intellektuellen und Prominenten in der freien Welt vom kommunistischen China und von Maos Gedanken berauscht zu sein schienen.

Heute erfreut sich Tibet auf der Welt einer beispiellosen Aufmerksamkeit und Sympathie, die sehr beeindruckend ist. Selbst so wichtigen Themen wie der Nordirland- oder der Nahostfrage wird nicht so viel Sympathie und Neugier entgegengebracht wie Tibet. Dass sich das nicht unmittelbar in politische Unterstützung für die tibetische Sache umsetzt, ist sicher bedauerlich. Aber das müssen wir Tibeter wohl zum Teil unserer eigenen Unfähigkeit zuschreiben, der Welt unsere politischen Ziele klar und einleuchtend darzustellen. Tatsächlich haben diese Unstimmigkeiten unter unseren Unterstützern Verwirrung gestiftet und jeden Aktivismus im Namen der Sache erlahmen lassen. Dennoch ist die Chance, dass das internationale Wohlwollen, das Tibet entgegengebracht wird, in aktive Unterstützung für den Freiheitskampf umgewandelt wird, mehr als eine bloße Möglichkeit. Es bedarf keiner großen Phantasie, um zu erkennen, dass wir die geschäftlichen und diplomatischen Interessen Chinas auf der ganzen Welt einfach durch friedliche Aktivität empfindlich treffen könnten – sofern wir nur unsere Ziele erst klar definieren und dann an ihnen festhalten.

Schon die blosse Hoffnung auf Rangzen ist lebenswichtig

Natürlich gibt es keine Garantie, dass die Unabhängigkeit in absehbarer Zeit, oder gar noch zu unseren Lebzeiten kommen wird – obwohl ich in gewisser Weise überzeugt bin, dass es so sein wird. Jedenfalls muss nicht besonders betont werden, dass das Festhalten am Ziel von Rangzen unerlässlich ist, wenn es erreicht werden soll. Wir sollten uns daran erinnern, dass unsere Exilgemeinschaft in den schwierigen Anfangsjahren gerade durch die Hoffnung auf Unabhängigkeit stark und einig blieb. Viele der Probleme, die unsere Gesellschaft heute belasten – religiöse und politische Streitigkeiten, Niveauverlust in der Schulbildung, eine beklagenswerte und schändliche Kommerzialisierung unserer Religion, Zynismus in der Verwaltung, Verlust von Selbstachtung und Integrität unter den einfachen Menschen – haben ihre Ursachen eindeutig im allmählichen Nachlassen des Freiheitskampfes im tibetischen Establishment in den letzten zwei Jahrzehnten.

Die Hoffnung auf Unabhängigkeit ist lebenswichtig für die Menschen innerhalb Tibets. Die Fortführung des Freiheitskampfes im Exil gab den Menschen in Tibet Hoffnung und, ungeachtet der entsetzlichen Leiden, denen sie ausgesetzt waren, eine gewisse Sicherheit, dass ihre Welt nicht gänzlich untergegangen war. Die Hoffnung auf ein freies Tibet muss immer am Leben gehalten werden, wenn die Tibeter ihre Identität, ihre Kultur und ihre Religion bewahren sollen. Wenn wir uns damit abfinden, ein Teil Chinas zu sein, dann werden wir mit Sicherheit unsere Identität verlieren. Man würde uns vielleicht gestatten, Buddhisten zu bleiben,[11] aber wir sollten uns dessen bewusst sein, dass es in China viele andere Buddhisten gibt. Wir würden lediglich zu einer unter vielen chinesischen buddhistischen Sekten.

Ich kenne die alte und oft zitierte tibetische Redensart: “China wird durch seine Paranoia besiegt werden, Tibet durch seine Hoffnungen.” Aber in diesem Falle neige ich dazu, eine traditionelle Weisheit nicht gelten zu lassen und stattdessen dem zuzustimmen, was der chinesische Schriftsteller Lu Xun zur Frage der Hoffnung gesagt hat. Seine diesbezügliche Äußerung sollte den Tibetern eine gewisse Beruhigung geben, denn Lu Xun war ein Experte für Chinas Tyrannen in der alten wie auch in der neuen Zeit:

“Hoffnung kann weder bestätigt noch widerlegt werden. Hoffnung ist wie ein Pfad auf dem Land: Ursprünglich ist kein Pfad dagewesen, aber wenn die Menschen immer wieder auf derselben Stelle gehen, dann erscheint ein Weg.”

Die internationale Dimension von Rangzen

Wenn wir für die Freiheit Tibets kämpfen, dann kämpfen wir ganz real für die Freiheit unterdrückter Völker und Nationen auf der ganzen Welt. Nachdem aber die tibetische Kultur zu einem Teil des “New Age” gemacht worden ist und nachdem man es fertiggebracht hat, “globale Aufgaben” wie Umweltschutz, Weltfrieden und Spiritualität mit der Tibet-Frage zu verquicken, hat sich eine hochmütige Haltung herausgebildet, die es als zu wenig und sogar als niveaulos empfindet, einfach nur für die tibetische Freiheit zu kämpfen. Natürlich ist ein solcher Standpunkt nicht nur irrig, sondern er zeigt auch, wie Menschen dazu neigen, ihr Bedürfnis nach einem Ziel, für das es sich einzusetzen lohnt, mit anderen Bedürfnissen zu vermischen, wie dem Bedürfnis nach sozialer Akzeptanz, dem Bedürfnis, mit der Mode zu gehen und manchmal sogar mit dem Streben nach materiellem Gewinn.

Die wahren Schlachten für Freiheit werden vor Ort und zumeist mit dem Mut der Verzweiflung von Menschen geschlagen, die bereit sind, nicht nur ihr Ansehen und ihre Karriere, sondern auch ihr Leben einzusetzen. Freiheitskämpfe sind schon ihrer Natur nach zersetzend. Selbst in ihrer mildesten Form besitzen sie eine beunruhigende Eigenschaft, die sich in dem alten Rechtsgrundsatz ausdrückt: “Fiat iustitia, et pereat mundus – Es geschehe Recht, und wenn die Welt zugrunde geht”. Aber wie zersetzend solche Kämpfe auch sein mögen, wieviel wirtschaftlichen Schaden und menschliches Leid sie auch anrichten, die wild entschlossenen Kämpfe von Aung San Suu Kyi und Nelson Mandela beflügeln freiheitsliebende Menschen auf der ganzen Welt, und zwar mehr als die gutgemeinten Bemühungen von Diplomaten, hochrangigen Aktivisten und selbst des Generalsekretärs der UNO, die doch nur sicherstellen können, dass im Wesentlichen der Status quo erhalten bleibt.

Jeder Sieg der Freiheit über die Tyrannei ist ein gewaltiger Ansporn für andere, die einen ähnlichen Kampf führen. Die Tibeter werden sich sicher noch daran erinnern, wie wahrhaft fasziniert sie waren, als Bangladesh unabhängig wurde, und wie sich dieses Gefühl der Ermutigung und des Stolzes noch steigerte, als wir erfuhren, dass tibetische Fallschirmtruppen einen wichtigen Beitrag zu dem Sieg geleistet hatten. Ebenso würde ein Erfolg des tibetischen Freiheitskampfes auch einen Sieg für die demokratischen Kräfte in Burma, für ein unabhängiges Taiwan sowie für die Freiheit der Uiguren in Ostturkestan und der Völker der Südmongolei bedeuten.

Als Indien seine Unabhängigkeit errungen hatte, befreite sich in der Folge eine ganze Reihe afrikanischer und asiatischer Nationen ebenfalls von ihren europäischen Kolonialherren. In den neunziger Jahren gewann mit dem Fall der Berliner Mauer eine weitere Gruppe von Ländern ihre Freiheit, in diesem Falle Freiheit von der sowjetischen Unterjochung. Die Unabhängigkeit Tibets könnte durchaus eine neue Ära der Freiheit einläuten oder zumindest ankündigen, und zwar nicht nur für Nachbarländer wie Burma, Ostturkestan und die Südmongolei, sondern auch für das Volk von China selbst.[12]

Referenz-Noten

1. Bacot, Thomas & Toussaint, Documents de Touen Houang relatifs à l’histoire du Tibet, Paris 1940, S. 81 und 85-86. Nach David Snellgrove und Hugh Richardson, A Cultural History of Tibet,1980 Prajna Press, Boulder, S. 24-25.

2. Donald Rayfield, The Dream of Lhasa: The Life of Nikolay Przhevalsky (1839-1888), Explorer of Central Asia (Ohio U. Press, 1976), S. 52-53, in: Robert A.Rupen, “Mongolia, Tibet and Buddhism or, A Tale of Two Roerichs”, The Canada-Mongolia Review, A Journal of Mongolian Studies, Nr. 1, April 1979, S. 4.

3. George Orwell, The Collected Essays, Journalism and Letters of George Orwell,  Vol.3, As I Please 1943-45, Penguin Books, London 1971, S. 231.

4. W.J.F. Jenner, The Tyranny of History: The Roots of China’s Crisis, Penguin Books,  London 1994.

5. Simon Leys, The Burning Forest: Essays on Culture and Politics in Contemporary China, Paladin Grafton  Books, London 1988, S.162.

6. Demgegenüber gibt es keine ethnische Unterscheidung zwischen Serben, Kroaten und bosnischen Moslems. Sie sind alle das gleiche Volk und sprechen dieselbe Sprache, haben jedoch unterschiedliche historische Erfahrungen.

7. Elliot Sperling, “The Rhetoric of Dissent”, in: Robert Barnett & Shirin Akiner (Hrsg.), Resistance and Reform in Tibet, Hurst, London 1994, S. 280.

8. Liu Binyan und Perry Link, “A Great Leap Backwards?”, Rezension von Zhongguo De Xianjing (Chinas Falle) in: The New York Review of Books, 8.10.1998, Hongkong: Mingjing Chubanshe, 1998.

9. S.A.M. Adshead, Province and Politics in late Imperial China. Viceregal Government in Szechwan, 1898-1911. Scandinavian Institute of Asian Studies Monograph Series, London und Malmö: Curzon Press, 1984.

10. In seiner Ansprache in der Yale University am 9. Oktober 1991 sagte der dalai Lama: “Die Veränderungen in den baltischen Staaten sind besonders ermutigend… So wie die Völker der baltischen Staaten erfolgreich ihre Freiheit wiedergewonnen haben, bin ich zuversichtlich, dass auch wir Tibeter die unsere bald wiedergewinnen werden. Wir haben in 32 Jahren der Besetzung unsere feste Entschlossenheit bewahrt, dieses Ziel zu erreichen.”

11. Selbst das ist ungewiß, denn die chinesische Staatsmacht scheint die Zuwanderung muslimischer Hui nach Tibet zu fördern und sogar evangelische Missionstätigkeit in Amdo und Lhasa zu unterstützen.

12. Chinesische Studenten im Westen haben gesagt, dass ihnen durch die provokanten Bilder von den Demonstrationen in Lhasa 1987 bewußt geworden sei, dass es möglich ist, die kommunistische Staatsmacht herauszufordern. In einem Brief eines chinesischen Studenten, der in der Tibetan Review vom August 1989 abgedruckt war, hieß es: “Die tibetischen Demonstrationen haben die chinesischen Studenten (auf dem Tiananmen-Platz) sicher ermutigt, inspiriert und beeinflußt.”

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