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Rangzen-Charta
Für die Unabhängigkeit Tibets

Jamyang Norbu

 

I N H A L T

Die internationale Dimension von Rangzen
Was ist zu tun?
Der erste Schritt

 

D I E   I N T E R N A T I O N A L E   D I M E N S I O N
V O N   R A N G Z E N

Wenn wir für die Freiheit Tibets kämpfen, dann kämpfen wir ganz real für die Freiheit unterdrückter Völker und Nationen auf der ganzen Welt. Nachdem aber die tibetische Kultur zu einem Teil des "New Age" gemacht worden ist und nachdem man es fertiggebracht hat, "globale Aufgaben" wie Umweltschutz, Weltfrieden und Spiritualität mit der Tibet-Frage zu verquicken, hat sich eine hochmütige Haltung herausgebildet, die es als zu wenig und sogar als niveaulos empfindet, einfach nur für die tibetische Freiheit zu kämpfen. Natürlich ist ein solcher Standpunkt nicht nur irrig, sondern er zeigt auch, wie Menschen dazu neigen, ihr Bedürfnis nach einem Ziel, für das es sich einzusetzen lohnt, mit anderen Bedürfnissen zu vermischen, wie dem Bedürfnis nach sozialer Akzeptanz, dem Bedürfnis, mit der Mode zu gehen und manchmal sogar mit dem Streben nach materiellem Gewinn.

Die wahren Schlachten für Freiheit werden vor Ort und zumeist mit dem Mut der Verzweiflung von Menschen geschlagen, die bereit sind, nicht nur ihr Ansehen und ihre Karriere, sondern auch ihr Leben einzusetzen. Freiheitskämpfe sind schon ihrer Natur nach zersetzend. Selbst in ihrer mildesten Form besitzen sie eine beunruhigende Eigenschaft, die sich in dem alten Rechtsgrundsatz ausdrückt: "Fiat iustitia, et pereat mundus - Es geschehe Recht, und wenn die Welt zugrunde geht". Aber wie zersetzend solche Kämpfe auch sein mögen, wieviel wirtschaftlichen Schaden und menschliches Leid sie auch anrichten, die wild entschlossenen Kämpfe von Aung San Suu Kyi und Nelson Mandela beflügeln freiheitsliebende Menschen auf der ganzen Welt, und zwar mehr als die gutgemeinten Bemühungen von Diplomaten, hochrangigen Aktivisten und selbst des Generalsekretärs der UNO, die doch nur sicherstellen können, dass im Wesentlichen der Status quo erhalten bleibt.

Jeder Sieg der Freiheit über die Tyrannei ist ein gewaltiger Ansporn für andere, die einen ähnlichen Kampf führen. Die Tibeter werden sich sicher noch daran erinnern, wie wahrhaft fasziniert sie waren, als Bangladesh unabhängig wurde, und

wie sich dieses Gefühl der Ermutigung und des Stolzes noch steigerte, als wir erfuhren, dass tibetische Fallschirmtruppen einen wichtigen Beitrag zu dem Sieg geleistet hatten. Ebenso würde ein Erfolg des tibetischen Freiheitskampfes auch einen Sieg für die demokratischen Kräfte in Burma, für ein unabhängiges Taiwan sowie für die Freiheit der Uiguren in Ostturkestan und der Völker der Südmongolei bedeuten.

Als Indien seine Unabhängigkeit errungen hatte, befreite sich in der Folge eine ganze Reihe afrikanischer und asiatischer Nationen ebenfalls von ihren europäischen Kolonialherren. In den neunziger Jahren gewann mit dem Fall der Berliner Mauer eine weitere Gruppe von Ländern ihre Freiheit, in diesem Falle Freiheit von der sowjetischen Unterjochung. Die Unabhängigkeit Tibets könnte durchaus eine neue Ära der Freiheit einläuten oder zumindest ankündigen, und zwar nicht nur für Nachbarländer wie Burma, Ostturkestan und die Südmongolei, sondern auch für das Volk von China selbst.

 

W A S   I S T   Z U   T U N ?

Es ist für uns lebenswichtig, dass der Kampf um Rangzen nicht aufgegeben wird. Wir müssen ihn aber vollkommen neu definieren und aufleben lassen. Er muss zu einer der großen Revolutionsbewegungen der Welt gemacht werden. Damit das geschehen kann, bedarf es einiger fundamentaler Veränderungen nicht nur in der Struktur der Freiheitsbewegung und der tibetischen Gesellschaft, sondern auch im Denken und Verhalten einzelner Tibeter. Die folgenden acht Punkte enthalten nichts, was nicht an anderer Stelle schon gesagt wurde. Sie sind von besorgten und intelligenten Tibetern immer wieder ins Gespräch gebracht und diskutiert worden. Worüber man sich im Klaren sein muss, ist, dass Rangzen eventuell nicht erreichbar ist, wenn wir diese Veränderungen nicht zustande bringen oder nicht zumindest einen Reformprozess in Gang setzen. Selbst wenn wir durch einen unglaublichen Zufall der Geschichte morgen unser Land zurück bekämen, könnten wir es am Tag darauf wieder verlieren, wenn wir so weitermachen würden wie jetzt. Was wir heute brauchen, ist nicht lediglich eine politische Reform, sondern eine bedeutende Umgestaltung der defätistischen Geisteshaltung, von der unser Volk heute beherrscht ist.

 

1. Aktiver Widerstand gegen die chinesische Tyrannei

Der tibetische Freiheitskampf muss ständig nach effektiven Wegen suchen, die chinesische Tyrannei sowohl innerhalb Tibets als auch überall auf der Welt herauszufordern, auch wenn das bedeutet, sich chinesischen Repressalien oder Vergeltungsmaßnahmen auszusetzen. Der Kampf darf nicht in bürokratischer Routine erstarren, bei der den Beteiligten durch Ersatzhandlungen die Illusion vermittelt wird, dass etwas geschieht, oder "Experten" nach immer spitzfindigeren Wegen suchen, elende Kapitulation vor China als diplomatische Leistung hinzustellen. Der Kampf um Rangzen ist ein revolutionärer Kampf. Er muss die Sache derer sein, die Mut, Hingabe und Opferbereitschaft haben. Er sollte kein Werkzeug aus der Wahltrickkiste tibetischer Politiker sein, keine Maschine, die einem Stipendien und Pfründen verschafft, Karrieren oder Geschäfte fördert, zur Einwanderung in die USA verhilft und denjenigen, die sich gern unter den Größen des Showbusiness und unter den Reichen und Berühmten tummeln möchten, Gelegenheit dazu verschafft.

Bislang hat der Kampf, der innerhalb Tibets stattfindet, kaum mehr als moralische Unterstützung von außen erfahren, und selbst in diesem Punkt ist unser Beitrag äußerst zwiespältig gewesen. So ist etwa der gegenwärtige Rückgang der Aktivitäten innerhalb Tibets gewiss weitgehend eine Folge der massiven Niederschlagung durch die Chinesen, aber ebenso auch unserer taktisch unklugen Ankündigung eines bevorstehenden Dialogs mit China sowie des Appells der Exilführung, Aktivitäten, die der Wirtschaft Chinas schaden, einzustellen und ihres Aufrufs zu einem "konstruktiven Umgang" mit China.

Wir müssen Rangzen als Ziel durch eine öffentliche Kampagne in Tibet wieder ins Bewusstsein rücken. Wir müssen sicherstellen, dass innerhalb Tibets ausreichende Mittel und Ausrüstungen bereitgestellt und Gruppen und Einzelpersonen ausgebildet werden und dass die Angehörigen derer, die an solchen Aktionen beteiligt sind oder die dadurch ihr Leben oder ihre Freiheit verloren haben, ausreichend betreut werden. Der Kampf innerhalb Tibets könnte wieder stark aufleben, wenn wir von außen mehr bieten würden als nur Sympathie und wenn wir denen, die im Lande kämpfen, mit Geld, Ideen, ausgebildetem Personal und neuen Technologien zur Hand gehen würden. Natürlich wird das schwierig, schmerzhaft und gefährlich sein. Aber es sind die Grundvoraussetzungen für einen wirklichen Freiheitskampf. Alles, was mit Werden und Schaffen zu tun hat, ist notwendigerweise mit Trauma und Gefahr verbunden. Eine Frau, die ein Kind zur Welt bringt, macht das gleiche durch. Wir müssen bereit sein, noch mehr auszuhalten, wenn wir für unsere alte Nation ein neues Zeitalter der Freiheit und des Glücks schaffen wollen.

Auf der internationalen Ebene müssen wir eine unnachgiebige Wirtschaftskampagne gegen China betreiben. Denjenigen, die einwenden, dass es uns niemals gelingen werde, gegen China solche allumfassenden internationalen Wirtschaftssanktionen zu erreichen wie sie einst gegen Südafrika verhängt worden seien, sei - ohne dass wir diesen Pessimismus im Geringsten teilen - gesagt, dass es angesichts des von Jahr zu Jahr zurückgehenden chinesischen Wirtschaftswachstums vermutlich gar nicht nötig sein wird, so weit zu gehen. Schon ein Einbruch von 5 oder auch nur 3 Prozent könnte Chinas Handelszahlen aus dem Gleichgewicht bringen. Und mit allen unseren Unterstützergruppen, Dharma-Zentren und prominenten Unterstützern und Freunden auf der ganzen Welt könnten wir zumindest so viel erreichen. Das Klima für eine solche Kampagne verbessert sich zusehends, je mehr die internationale Ernüchterung in den Geschäftsbeziehungen mit China zunimmt. In den USA haben Enthüllungen über ausgedehnte chinesische Spionagetätigkeit in Industrie und Verteidigung sowie ein gewaltiges und wachsendes Handelsdefizit gegenüber China ein neues und positives Umfeld für solche Aktivitäten geschaffen.

 

2. Die Taten und Opfer der Patrioten müssen gebührend gewürdigt werden

In der Heldensage vom tibetischen Kampf gegen die chinesische Tyrannei fehlt es nicht an heroischen Männern und Frauen, die die Nöte ihres Landes und ihres Volkes über ihr eigenes Leben stellten. Aber die Gesellschaft hat es bis jetzt schamhaft unterlassen, ihre Opfer und ihre Taten zu vergelten oder auch nur anzuerkennen. Unsere Regierung hat Tibeter geehrt, die in Kriegen anderer Völker kämpften und starben. Aber den Tausenden von Soldaten, Partisanen, Aktivisten und Geheimagenten, die auf die eine oder andere Art ihre Annehmlichkeiten, ihre Familie, ihre Sicherheit und selbst ihr Leben für die tibetische Unabhängigkeit opferten, sind keine Medaillen verliehen worden, und ihre Taten fanden kaum Würdigung. Tatsächlich leben die überlebenden Veteranen der Guerilla von Mustang heute unter elenden Bedingungen in einigen Lagern in Nepal, die unter den tibetischen Siedlungen im Exil vermutlich die ärmsten sind.

Unsere Schulbücher sind voll von den Lebensgeschichten von Heiligen und Lamas, aber unsere Helden und Patrioten werden mit keinem Wort erwähnt. Diese faktische Zensur unserer jüngeren Geschichte erweckt in unserer Gesellschaft den Eindruck, als habe der gewöhnliche Tibeter keinen Patriotismus, obwohl genau das Gegenteil richtig ist. Wir müssen nicht nur ein System, sondern ein moralisches Klima schaffen, in dem Mut, Aufrichtigkeit und Vaterlandsliebe anerkannt und honoriert werden und in dem Heuchelei, Kriecherei und Selbstherrlichkeit auf Ablehnung stoßen.

 

3. Demokratie muss ein Grundelement des Freiheitskampfes sein

Nur in einer wirklich demokratischen tibetischen Gesellschaft werden Kreativität, unverbrauchtes Denken und eine neue Führung - die im Freiheitskampf dringend benötigt wird - sich nicht nur entfalten, sondern auch geschätzt werden und effektiv sein. Darüber hinaus kann nur die Demokratie die nötige Transparenz und echte Verlässlichkeit auf seiten unserer Führung gewährleisten. Daher ist sie vermutlich die einzige Art, in der die wahren Gefühle des tibetischen Volkes für Rangzen ganz zum Ausdruck gebracht werden können.

Für das unterdrückte Volk von Tibet ist die Demokratie nicht nur ein Ziel, mit dem dereinst die Freiheit von der chinesischen Tyrannei erlangt werden soll, sondern sie bietet auch die beste Hoffnung auf eine wirklich rechtmäßige und gerechte Regierung der eigenen Wahl. Das Versprechen, ein wahrhaft demokratisches Tibet zu schaffen, wird schon als solches die chinesischen Propagandabehauptungen, dass die Unabhängigkeit eine Rückkehr zum theokratischen Feudalismus bedeuten würde, Lügen strafen. Insofern wird die Demokratie zu einer mächtigen Waffe im Dienste der Sache, und ihre wahre und effektive Verwirklichung in unserer Exilgemeinschaft ist absolut notwendig für die Glaubwürdigkeit des Freiheitskampfes. Ein kleiner Anfang ist mit der Verwirklichung der Demokratie im Exil schon gemacht worden, aber es bleibt noch sehr viel zu tun.

 

4. Die paternalistische Mentalität muss ausgemerzt werden

Auch wenn wir sicher die Hilfe und Unterstützung anderer Nationen und Völker benötigen, dürfen wir uns nicht gänzlich darauf verlassen, dass irgendeiner von ihnen unser Schutzherr ist. Es geht hier nicht darum, Hilfe nicht anzunehmen, sondern um den Unterschied zwischen notwendiger Hilfe und jämmerlicher Abhängigkeit. Außerdem verfolgt jede Nation ihre eigenen Interessen, und die können zu den unseren im Widerspruch oder einfach nicht im Einklang mit ihnen stehen. Sie können auch durchaus feindselig sein.

Ein gutes diesbezügliches Beispiel ist das kürzlich erfolgte Nachgeben unseres Establishments in der Frage finanzieller Patronage aus Taiwan. Seit 1959 hatte die tibetische Regierung zu Recht jegliche Annahme von Geld aus Taiwan verurteilt, denn Taiwan stand unserer Sache feindselig gegenüber und beanspruchte Tibet als Teil Chinas. Jahrelang war diese Frage Anlass für heftige, gewaltsame und manchmal tödliche Konflikte in unserer Flüchtlingsgemeinschaft. Obwohl Taiwan seine Haltung zur tibetischen Souveränität nicht geändert hat und dem Unabhängigkeitskampf durch finanzielle Subversion unter einzelnen tibetischen Offiziellen und hohen Lamas großen Schaden zugefügt hat, ist die tibetische Regierung heute ein begeisterter Empfänger von Spenden aus Taiwan. All die loyalen (zumeist armen) tibetischen Flüchtlinge, die den Verlockungen taiwanesischer Agenten so beharrlich widerstanden, sehen sich jetzt verlacht und verhöhnt von ihren weniger gewissensgeplagten Landsleuten, die nicht nur reich geworden sind, sondern sich auch glänzend bestätigt sehen.

Viele in der tibetischen Exilgemeinschaft, vor allem in der Geistlichkeit, haben es sich angewöhnt, von auswärtigen Gönnern abhängig zu sein, selbst dann, wenn diesen Gönnern manchmal nicht unsere besten Interessen am Herzen liegen. Die Rede ist hier nicht nur von Taiwan, sondern auch von manchen Personen und Organisationen im Westen, die ungeachtet ihrer bekundeten Bewunderung für den Dalai Lama und ihrer Sorge um Tibet eindeutig den chinesischen Interessen in die Hände arbeiten. Unsere entwürdigende und ruinöse nationale Angewohnheit, Patrone und Patronage zu suchen, wurzelt in der Praxis der jeweiligen tibetischen Herrscher, um die Unterstützung der Mongolen- und später der Mandschu-Herrscher in China zu werben und sich von ihnen abhängig zu machen - eine Praxis, für die Bezeichnung choyön oder Patron-Priester-Verhältnis eingebürgert hat. Das ist zweifellos eine der Hauptursachen für Tibets Niedergang.

 

5. Die tibetische Gesellschaft muss dynamisch und progressiv werden.

Auch heute noch ist unsere Gesellschaft zugegebenermaßen im Wesentlichen eine mittelalterliche Gesellschaft. Nur wenig hat sich innerhalb oder außerhalb Tibets geändert, was unser Denken und unsere Anschauungen betrifft. Damit soll keineswegs der Buddhismus in Frage gestellt werden, in dem tiefstes philosophisches und wissenschaftliches Denken und schlichtester Volksglaube vereint sind, sondern es soll deutlich machen, wie sehr sich die Tibeter an Aberglauben und Traditionen geklammert haben, die nicht nur rückwärts gewandt und schädlich sind, sondern auch den Lehren des Buddha widersprechen. Wenn ich mich hier für den Fortschritt ausspreche, dann übersehe ich keineswegs die Übel der heutigen "entwickelten" Gesellschaften und ich will auch keinen unqualifizierten Freibrief für Marktkapitalismus und ungezügelte Technologie ausstellen. Was ich möchte, ist, dass erkannt wird, dass wir nicht nur im Interesse des Freiheitskampfes, sondern auch für das Überleben einzelner Tibeter uns geistig der Welt öffnen müssen und unsere Wahrnehmung der Natur, der Geschichte und der Gesellschaft ändern und an die Menschheit insgesamt anpassen müssen. Alle Instrumente, die wir für den Freiheitskampf und für das Überleben als Volk benötigen, werden uns versagt bleiben, wenn wir in der Vergangenheit leben. Wir müssen bewusst eine Modernisierung unserer Gesellschaft in Angriff nehmen, so wie sie in Form der Meiji-Restauration in Japan oder der bengalischen Renaissance stattgefunden hat.

Es ist ja keineswegs so, dass uns die Ressourcen fehlen würden. Es gibt hervorragende tibetische Gelehrte, Historiker, Denker, Schriftsteller, Ärzte und sogar ein paar Naturwissenschaftler, mit deren Hilfe damit begonnen werden könnte, unser Volk in eine dynamische und freiheitliche Zukunft zu führen. Aber gegenwärtig sind, wenn überhaupt, nur wenige von ihnen in der Lage, in unserer Exilgesellschaft, die sich zur Zeit immer weiter zurück in religiösen Fundamentalismus und engste Regionalpolitik zu bewegen scheint, eine wesentliche Rolle zu spielen.

 

6. Die tibetische Politik muss säkularisiert werden

Auch wenn Tibet ein buddhistisches Land mit dem Dalai Lama als Staatsoberhaupt bleiben muss und immer bleiben wird, muss unsere Politik säkular werden. Dass Tibet in der Vergangenheit unfähig war, sich zu wandeln und zu verteidigen, war in erster Linie eine Folge der Macht des Klerus in der Politik. Dieser versuchte hartnäckig, die Schaffung einer effektiven tibetischen Armee zu verhindern und widersetzte sich jedem Versuch, unsere Gesellschaft zu modernisieren. Natürlich wird der Buddhismus immer unsere nationale Religion sein, und seine Institutionen müssen vom Staat unterstützt und geschützt werden. Aber der Staat muss darauf achten, dass diese Institutionen ihre wesentlichen geistlichen Aufgaben erfüllen und nicht politisiert oder kommerzialisiert werden. Der Staat muss außerdem darauf achten, dass diese Institutionen ein vernünftiges Ausmaß nicht überschreiten. Die Zahl der Mönche und Nonnen in der Exilgemeinschaft ist beängstigend hoch, und sicher prozentual höher als es im alten Tibet der Fall war. Die Zahlen steigen an, aber nicht etwa, weil die Tibeter spiritueller geworden wären, sondern weil das ganze Geschäft höchst profitabel geworden ist, nicht nur wenn es darum geht, westliche Sponsoren zu gewinnen, sondern auch darum, Visa für die USA zu erhalten.

Die Funktion der Regierung muss säkular sein und sich auf den Bereich der Politik beschränken, wobei die Verteidigung der Souveränität des Landes sowie Sicherheit und Wohlergehen des Volkes die oberste Priorität haben. Darüber hinaus muss bei der Formulierung der Regierungspolitik mit der Konsultation von Orakeln und mit Weissagungen völlig Schluss gemacht werden. Damit sollen solche Traditionen keineswegs verdammt werden, aber es soll ihnen der ihnen gebührende Platz im individuellen Glauben und in spirituellen Praktiken zugewiesen werden, uns das muss gesetzlich geschützt werden. Tatsächlich wird durch die Säkularisierung unserer Politik sichergestellt, dass ein zukünftiges Tibet eine wahrhaft buddhistische Nation sein wird, in der die religiösen Klassen und ihre Institutionen sich so verhalten wie es der Buddha bestimmt hat und nicht als Geschäftsunternehmen oder fundamentalistische politische Parteien auftreten.

Gegenwärtig ist in der Position unserer Exilregierung ein verwirrender Widerspruch zu beobachten. Einerseits befürwortet sie die Säkularisierung, während sie gleichzeitig die Religion politisiert, indem sie sie zur Grundlage für Wahlen macht. So verurteilte auf der diesjährigen Generalversammlung der tibetischen Regierung eine große Zahl der Teilnehmer heftig das System, das Mönchen und Nonnen zwei Stimmen zugesteht: eine auf regionaler Basis und eine auf der Basis der Sektenzugehörigkeit, während ansonsten jeder Wähler nur eine Stimme hat.

 

7. Die nationale Politik muss realistisch formuliert werden

Es muss nicht besonders betont werden, dass ein Staat bei der Verfolgung seiner nationalen Interessen eine Vielzahl von Mitteln anwendet: Diplomatie, Handel, Kulturbeziehungen, Auslandshilfe und Krieg. Auch wenn uns gegenwärtig einige Mittel nicht zur Verfügung stehen, wäre es ein schwerer Fehler, sie gänzlich abzuschreiben, besonders was den Einsatz von Gewalt betrifft.

Als Buddhisten müssen wir Tibeter Gewalt sicher ablehnen, es sei denn als Instrument der nationalen Verteidigung oder als Mittel, mit dem das Überleben des tibetischen Volkes sichergestellt werden soll. Der Buddhismus schließt Gewaltanwendung zur Verteidigung des Landes nicht aus, wie die folgende Geschichte veranschaulicht:

Einmal kam ein General zum Buddha und fragte ihn: "Als Soldat ist es meine Pflicht, dafür zu sorgen, dass die Gesetze, die mein König gemacht hat, befolgt werden und Kriege zu beginnen, wenn der König es befiehlt. Wird der Tathagath mir nicht erlauben, diejenigen zu bestrafen, die des Verstoßes gegen die Gesetze schuldig sind? Wird er einem nicht erlauben zu kämpfen, um die Ehre und das Leben der Lieben und Nahen zu schützen? Meint der Tathagath, dass auch ein Krieg für eine gerechte Sache zu verdammen ist?"

Der Buddha antwortete: "Ja, der Tathagath ist der strikten Ansicht, dass ein Krieg, in dem der Bruder seinen Bruder und Mitmenschen tötet, zu beklagen ist. Aber der Tathagath unterstützt voll einen Krieg für eine gerechte Sache als letzten Ausweg."

Auch in der Charta der Vereinten Nationen wird einer Nation das souveräne Recht zugestanden, zur Verteidigung Krieg zu führen. Der große 13. Dalai Lama gab am Schluss seines politischen Testaments den folgenden Rat zur Verteidigung der tibetischen Souveränität gegen chinesische Aggression:

"…wir müssen alles tun, um uns gegen dieses drohende Unheil zu schützen. Wendet friedliche Mittel an, wo sie angebracht sind, aber dort, wo sie nicht angebracht sind, zögert nicht, zu gewaltsamen Mitteln zu greifen."

Selbst Mahatma Gandhi äußerte sich sehr deutlich zu dieser Frage, als 1947 pakistanische Stoßtrupps in Kaschmir einfielen: "Jedes Unrecht gegen unser Land, jeder Übergriff auf unser Land muss mit Gewalt abgewehrt werden, wenn es mit Gewaltlosigkeit nicht geht."

 

8. Die tibetische Souveränität ist heilig, unverzichtbar und vorrangig

Freiheit für Tibet ist weder ein Handelsobjekt noch ein Hilfsmittel noch eine Strategie. Sie ist unser heiliges Ziel. Zu oft in unserer Geschichte haben wir um provisorischer Notlösungen willen unsere langfristigen Interessen aufgegeben, auch wenn es sich um fundamentale Interessen handelte. Als z.B. die tibetische Regierung 1946 eine Goodwill-Mission nach Nanjing schickte, wurde den Briten mitgeteilt, der alleinige Zweck der Mission sei es, China und den Alliierten zum Sieg über Japan zu gratulieren. Was die Tibeter den Briten aber nicht sagten, war, dass sie auch beabsichtigten, die anberaumte Nationalversammlung der Guomindang in Nanjing zu besuchen. Diese Aktion, die ganz sicher der tibetischen Unabhängigkeit schadete, geschah vermutlich in der Absicht, eine Lösung der Grenzfrage zu finden oder sogar, wie ich einmal irgendwo gelesen habe, die Sache Tibets voranzubringen. Natürlich durchschauten die Briten dieses kindische Täuschungsmanöver und waren, wie zu erwarten war, verärgert. Wie wenig sie auch an Tibets Fähigkeit, seine Unabhängigkeit wiederzuerlangen, geglaubt haben mochten, dieses Vorgehen erschütterte ihren Glauben daran noch weiter.

Wir haben auch durch unsere Unfähigkeit, in schwierigen Situationen standfest zu bleiben, in der Vergangenheit unsere eigene Position nachhaltig ausgehöhlt. Ein gutes Beispiel dafür ist das 17-Punkte-Abkommen. Laut der offiziellen Geschichtsschreibung hatten wir keine andere Wahl als auf dieses von den Chinesen oktroyierte Abkommen einzugehen. Aber das ist nicht ganz richtig. Die Amerikaner schickten im Mai 1951 ein Telegramm an den Dalai Lama, in dem sie ihm anboten, für den Fall, dass er das 17-Punkte-Abkommen ablehnen sollte, nicht nur um Asyl für ihn nachzusuchen, sondern auch die Unabhängigkeit Tibets anzuerkennen. Wir müssen bedenken, dass im Juni des Vorjahres der Koreakrieg begonnen hatte und dass die Chinesen zum Zeitpunkt dieses Angebots die 8. amerikanische Armee in Korea zurückgeschlagen hatten und die zweite Etappe ihrer Frühjahrsoffensive begonnen hatten. Für uns hätte sich kaum ein besserer Zeitpunkt denken lassen, um sich effektiver amerikanischer Hilfe gegen die Chinesen zu versichern. Es gibt in der Geschichte noch weitere Beispiele dafür, wie wir Gelegenheit hatten, den Freiheitskampf voranzubringen, dann aber die im Moment leichtere, letztlich aber fatale Wahl trafen, den Chinesen zu folgen. Tatsächlich ist diese Haltung im tibetischen Exil-Establishment schon fest verankert, und es besteht eine krankhaft naive Neigung, dieses selbstzerstörerische Verhalten für teuflisch klug und realistisch zu halten. Ein gutes Beispiel dafür ist das Vorgehen, wie es heute von offizieller Seite befürwortet wird: Wir sollen mit den Chinesen Autonomieverhandlungen führen, und dann, wenn wir erfolgreich sind und nach Tibet zurückkehren können, mit Maßnahmen zur Erlangung der Unabhängigkeit beginnen. So wenig wir von den Chinesen auch halten mögen, so ist es doch gefährlich und dumm, zu glauben, man könne sie mit einem so kindischen Trick über den Tisch ziehen.

 

D E R   E R S T E   S C H R I T T

Das allererste Gebot für das tibetische Volk ist jetzt, auch angesichts von allen möglichen Hindernissen und unter der Drohung von Verfolgung in der Frage der Unabhängigkeit keine Abstriche an seinen Prinzipien zu machen. Bevor eine effektive Diskussion über die Strategie und Organisation des Freiheitskampfes stattfinden kann, ist es absolut erforderlich, dass Personen und Organisationen, denen Freiheit und Rangzen am Herzen liegen, offen und unmissverständlich ihr Eintreten für Freiheit und tibetische Unabhängigkeit erklären. Es reicht nicht aus, zu sagen, dass man im Herzen an Rangzen glaubt, wenn man nicht den Bekennermut aufbringt, es offen zu erklären - eine Ausnahme bilden natürlich diejenigen Tibeter, die von Informanten und der Gonganju beschattet werden. Aber selbst von denen haben sich viele mutig zu Rangzen bekannt und den hohen Preis dafür bezahlt. Was hindert uns, die wir in Freiheit leben, daran, unseren Glauben an und Einsatz für die Unabhängigkeit zu bekennen? Lasst uns gereinigt von unserem Zynismus, unseren Zweifeln und unseren Ängsten in das neue Jahrtausend eintreten und ein neues und heroisches Zeitalter in unserer Geschichte beginnen. Jeder von uns ist erfüllt von dem erneuerten Engagement für den fraglos gerechten Kampf um die tibetische Unabhängigkeit und die Freiheit unterdrückter Völker auf der ganzen Welt.

       
 
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