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Rangzen-Charta
Jamyang Norbu
I N H A L T Warum
Rangzen von grundsätzlicher Bedeutung ist
W
A R U M R A N G Z E N V O N Man könnte argumentieren, dass manche Länder Teile anderer Nationen und Reiche gewesen sind und dabei nicht nur überleben konnten, sondern in einigen Fällen sogar von der Fremdherrschaft profitiert haben. Das augenfälligste Beispiel dafür ist sicher die britische Herrschaft über Hongkong. Aber auch die leidenschaftlichsten Unterstützer Chinas werden zugeben müssen, dass die chinesische Herrschaft in Tibet nirgends ähnlich sichtbar erfolgreich oder auch nur vergleichbar human und liberal gewesen ist wie die britische in Hongkong. Aber auch eine relativ milde Fremdherrschaft wirkt sich im Endeffekt schädlich auf die Kultur und Moral der einheimischen Bevölkerung aus. Australien und Kanada sind entwickelte Länder mit einer starken Wirtschaft und verschiedenen demokratischen Einrichtungen zum Schutz der Rechte ihrer Völker, einschließlich (jedenfalls heutzutage) ihrer Urbevölkerung. Aber viele dieser Urbevölkerungen sind demoralisiert, sie leiden unter Armut und Krankheit und fallen dem Alkoholismus und der Verzweiflung anheim - eine Situation, die erschreckend an das erinnert, was sich jetzt innerhalb Tibets abzuspielen beginnt. Der offenbar einzige Weg, unter Fremdherrschaft mit einem Mindestmaß an Selbstachtung zu überleben, ist, der brutalen Macht zu trotzen und die Hoffnung auf spätere Freiheit zu bewahren. Auch den Respekt des Eroberers erwirbt man sich offensichtlich nur, wenn man seiner Tyrannei trotzt. Von all den Millionen amerikanischer Ureinwohner, die unter der Ungerechtigkeit und Gewalt des weißen Mannes litten und starben, sind den Amerikanern nur noch die Namen der großen Kriegshäuptlinge wie Geronimo, Crazy Horse und Sitting Bull in respektvoller Erinnerung. Diejenigen Führer der Ureinwohner, die versuchten, friedlich unter der weißen Herrschaft zu leben und nach Washington gingen, um sich dem "großen weißen Vater" zu unterwerfen, sind vergessen. George Orwell machte sich in einer seiner Zeitungskolumnen Gedanken darüber, dass, obwohl die antiken Zivilisationen in Mesopotamien, Ägypten, Griechenland und Rom ganz und gar auf der Sklaverei basierten, so wie die moderne Gesellschaft auf Elektrizität und fossilen Brennstoffen, wir uns nicht an den Namen eines einzigen Sklaven erinnern außer vielleicht an Spartakus. Und an ihn erinnern wir uns, " weil er nicht dem Gebot gehorchte, 'sich nicht gegen das Böse aufzulehnen', sondern weil er einen gewaltsamen Aufstand entfachte." Die Hoffnung auf einen wie auch immer gearteten autonomen Status unter chinesischer Oberhoheit ist nicht realistisch, denn sie setzt voraus, dass das chinesische System flexibel und tolerant genug ist, um innerhalb seines Rahmens verschiedenen politischen und sozialen Systemen Raum zu bieten. Autonome Gebiete kann man sich in einer Nation wie etwa Indien vorstellen, weil es dort eine echte und funktionierende multikulturelle und multirassische Staatsstruktur gibt und demokratische Institutionen wie die Verfassung, eine freie Presse, freie Wahlen und eine unabhängige Justiz, durch die die Regierung oder eine dominierende Gruppe daran gehindert wird, die Rechte anderer Gruppen zu knebeln. Aber gerade das zu bieten ist die chinesische Führung von Natur aus nicht in der Lage. Die chinesischen Führer sind ebenso wie ihr Volk Opfer eines alten kulturellen und politischen Erbes der Repression - W.J.F. Jenner, ein australischer Sinologe, nannte es einmal "die Tyrannei der Geschichte" - das die Verwirklichung positiver grundlegender Veränderungen in der chinesischen Gesellschaft und Politik lähmt. Jenner spricht von der "bedrückenden Möglichkeit, dass China in einem Gefängnis gefangen ist, aus dem es kein Entkommen gibt, das über Tausende von Jahren fortlaufend ausgebaut worden ist; es ist ein Gefängnis der Geschichte - als geistige Kreation ebenso wie als Häufung der Folgen aus der Vergangenheit." Simon Leys, der (laut Susan Sontags zutreffender Beschreibung) "gescheiteste, eleganteste, scharfsinnigste - kurz gesagt: der beste - unter den China-Freunden und -Beobachtern der Gegenwart", hat sich in seinen vielen hervorragenden Essays erschöpfend und eingehend über das "genaue Ausmaß der Fähigkeit des Monstrums, seine Farbe und sein Muster zu ändern" geäußert. Für Leys "wandelt sich die zynisch gewordene und völlig diskreditierte Kommunistische Partei schlicht in eine Mafia von Opportunisten, die in allem, was nicht unmittelbar ihrem persönlichen Fortkommen dient, inkompetent sind." Zugleich wirke China selbst "immer mehr wie ein toter Planet; er befindet sich auf einer kontinuierlichen Umlaufbahn, aber die Natur seiner politischen Atmosphäre verhindert jegliches Wachstum ". Die Formel "Eine Nation - zwei Systeme", die im Falle Hongkongs garantiert wurde, bildet vor allem deshalb eine Ausnahme, weil sie für Peking von Vorteil ist. Hätte nämlich China dieses Zugeständnis nicht gemacht, dann wäre das Vertrauen in die Hongkonger Wirtschaft vermutlich beschädigt worden, was für Chinas Wirtschaft eine katastrophale Lähmung zur Folge gehabt hätte. Zudem ist das Volk von Hongkong chinesisch, und die Hongkonger Gesellschaft ist so durch und durch wirtschaftlich geprägt wie nur irgendwo auf der Welt. Die Einwohner Hongkongs sind bereit, mit jeder Herrschaftsform zu leben, ob Fremdherrschaft oder Despotie, solange ihnen nur erlaubt wird, Geld zu verdienen. Die Gewährung der Formel "Eine Nation - zwei Systeme" an Hongkong ist vollkommen risikolos, da das Volk von Hongkong, mit Ausnahme eines Martin Lee u.ä., bestürzend unfähig zu irgendwelchem ernsthaften Bemühen oder Kampf um Freiheit ist. Und trotzdem hat China offen damit begonnen, am Grundgesetz, das der Exkolonie die Freiheit garantieren sollte, mal hier, mal da einige Beschneidungen vorzunehmen. Im Unterschied zu den Bürgern von Hongkong wissen und empfinden die Tibeter leidenschaftlich, dass sie in jeder Hinsicht anders sind als die Chinesen: in der Kultur, der Rasse, der Sprache und sogar im Temperament. Auch wenn sich das Leben der Tibeter in Tibet wirtschaftlich bessern würde (was bisher nicht in nennenswertem Maße geschehen ist), würde das ihre Gefühle in dieser Hinsicht nicht wesentlich verändern. Es sei daran erinnert, dass die Demonstrationen in Lhasa zu einer Zeit stattfanden, als die wirtschaftliche Situation in Tibet sich, verglichen mit der vorhergehenden Periode, spürbar gebessert hatte. Die Haltung der Tibeter in dieser Frage kommt am besten im folgenden Auszug aus einem Dissidentenpapier zum Ausdruck, das in den späten achtziger Jahren in Umlauf war: "Wenn Tibet (unter chinesischer Herrschaft) so aufgebaut würde, wenn die Lebensbedingungen des tibetischen Volkes so sehr verbessert würden und das Leben der Tibeter einen solchen Zustand der Glückseligkeit erreichen würde, dass selbst die Gottheiten der Dreiunddreißig Göttlichen Reiche in Verlegenheit kämen - wenn wir tatsächlich und wahrhaftig all dies erhielten, selbst dann würden wir Tibeter es nicht wollen. Wir würden es absolut nicht wollen." Darüber hinaus ist Tibet, anders als Hongkong, gefährlich, weil selbst ein kleines Entgegenkommen in der Autonomie die Tibeter ermutigen würde, die Unabhängigkeit nicht nur zu fordern, sondern sich gewaltsam dafür zu erheben. Eine der Ursachen für die Demonstrationen in Lhasa 1987 war ja die Lockerung der früheren repressiven Politik. Selbst wenn China in einer noch so unabsehbaren Zukunft einem Autonomiestatus für Tibet zustimmen sollte, müsste es doch seinen kompletten Repressionsapparat so wie heute in Tibet erhalten, um den dann unvermeidlich wieder erwachenden Unabhängigkeitswunsch und Unabhängigkeitskampf niederzuschlagen, was wiederum den Autonomiegedanken als solchen verwerfen würde - ein klassischer Teufelskreis.
R A N G Z E N I S T E R R E I C H B A R Der hauptsächliche, wenn auch oft unausgesprochene Grund dafür, dass die meisten Menschen glauben, Rangzen sei nicht möglich, liegt darin, dass sie sich unbewusst mit dem Fortbestand der chinesischen Herrschaft abgefunden haben. Das ist, wie ohne weiteres ersichtlich, keine sehr buddhistische Haltung, war es doch eine der hauptsächlichen Beobachtungen des Buddha, dass nichts von Dauer ist. Aber vermutlich liegt die unmittelbare Ursache für diesen Zustand eher im Mangel an historischer Perspektive. Unsere eigene Unabhängigkeit wurde 1912 nach dem Sturz der Mandschu-Dynastie wiedererlangt. Auch war China zu einer Zeit, an die sich noch mancher heute Lebende erinnern kann, ein Land, das der Bemitleidung und Verhöhnung, öfter noch der Ausbeutung durch selbst zweitklassige Kolonialmächte ausgesetzt war. Das soll nicht heißen, dass Derartiges in derselben Weise wieder geschehen wird, aber die Chinesen selbst haben seit alters her den Verlauf ihrer Geschichte niemals als fortschreitend oder geradlinig angesehen. Im Gegenteil: Die heute schon fast sprichwörtlichen Anfangszeilen des ersten und eines der populärsten Romane in chinesischer Sprache, "Die Romanze von den drei Königreichen" (San Guo Yan Yi), fassen das Thema des Romans und eine bleibende Wahrheit der chinesischen Geschichte treffend zusammen: "Reiche und Dynastien neigen, wenn sie vereint sind, zum Zerfall und streben, wenn sie geteilt sind, wieder nach Einheit." Die von den westlichen Medien aus Gründen des eigenen Interesses vermittelte Darstellung Chinas als dynamisches modernes Land mit einer attraktiven, ständig wachsenden Wirtschaft trägt sicherlich dazu bei, dass die Unbesiegbarkeit Chinas im Allgemeinen als Faktum hingenommen wird. Tibeter, die ihre Nachrichten aus Magazinen wie Time oder Newsweek oder anderen Organen westlicher Geschäftsinteressen beziehen, sollten sich davon nicht zu sehr entmutigen lassen. Über das nationalsozialistische Deutschland berichtete die Presse bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs weitgehend in der gleichen Art. Ein Streifzug durch die damaligen Ausgaben der Times - Rechtfertigungen für Hitler und den Nazismus, eine widerlicher als die andere, dazu absolut gehässige Attacken gegen einen Churchill, der es noch nicht zum Premierminister gebracht hatte - sollte einen von jedem unangebrachten Glauben an die Unfehlbarkeit oder Fairness der westlichen Presse heilen. Was China betrifft, so wird gelegentlich über Menschenrechtsverletzungen berichtet, aber die werden konstant zu kurzfristigen Problemen schöngeredet, die mit der "Demokratisierung" Chinas sicher verschwinden würden - das sei ein unausweichlicher Prozess, der mit der Übernahme der kapitalistischen Marktwirtschaft einhergehe. Der Kapitalismus mag, je nach Standpunkt, eine gute Sache sein oder auch nicht, aber zu behaupten, seine Annahme führe zur Demokratisierung, ist offensichtlich irreführend. Wenn die Beispiele der Demokratisierung Taiwans und Südkoreas zur Untermauerung dieser Theorie angeführt werden, dann wird gern verschwiegen, dass Singapur mit Erfolg eine sehr fragwürdige Art eines autoritären Kapitalismus perpetuiert und ausbaut. Chia Thye Poh, der am längsten gefangengehaltene politische Häftling der Welt, wird seit 32 Jahren ohne Anklage und Prozess in einem Gefängnis in Singapur festgehalten, nur weil er Ansichten vertreten hat, die im Gegensatz zu denen der Regierung stehen. Auch ist daran zu erinnern, dass das nationalsozialistische Deutschland ein kapitalistisches Land war, in dem der Staat den Fabriken von Krupp, Thyssen, Volkswagen, BMW und Siemens mit der Bereitstellung von Sklavenarbeit behilflich war, während Privatunternehmen im benachbarten Schweden von der Herstellung und Lieferung der Chemikalie Zyklon B profitierten, die der Vergasung von Juden, Slawen, Zigeunern und anderen Feindes des Dritten Reichs diente. Ein Blick auf die Realität Chinas zeigt ein Land im Endstadium des Niedergangs oder - bei großzügigster Auslegung der Beobachtungen - eine Nation in einer tiefen Krise. Hier ist nicht der Ort, dieses Thema zu vertiefen, aber die Welt wird zunehmend empfänglich für die Erkenntnis, dass das ganze Getöse um das chinesische Wirtschaftswunder in Wahrheit nur eine tiefe und allumfassende Misere überdeckt. Wissenschaftler und Experten beginnen, darüber zu schreiben und es zu kommentieren. Einige Experten meinen sogar, dass Chinas Versuche, durch eine harte antidemokratische Politik die Probleme der Sowjetunion zu vermeiden, die unvermeidlichen Folgen einer fünfzigjährigen katastrophalen Herrschaft bestenfalls aufschieben können. Möglicherweise werde dieser Aufschub die zukünftige Situation in China sogar noch weniger steuerbar und noch chaotischer machen als das gegenwärtige Durcheinander in Russland. He Qinglian, eine chinesische Ökonomin, fällte im vergangenen Jahr ein scharfsichtiges und vernichtendes Urteil über Deng Xiaopings Liberalisierung. Ihr Buch "Chinas Falle" (Zhongguo De Xianjing) war in China ein außerordentlicher Verkaufserfolg (allerdings muss ihr Schanghaier Verlag seit kurzem mit einer Anklage wegen Volksverhetzung rechnen). Sie führt darin aus, dass sich das politische und wirtschaftliche System Chinas im Endeffekt selbst zerstören wird. "Die systembedingte Korruption, bei der das Verfolgen von Privatinteressen das Rechtssystem der Gesellschaft und die öffentliche Moral untergräbt, wird die Reform, noch bevor sie ausgereift ist, unvermeidlich zunichte machen." Das von He Qinglian berichtete Ausmaß der Korruption von Amtspersonen ist enorm. Opportunistische Beamte haben in den neunziger Jahren mindestens 500 Mrd. Yuan, die für den staatlichen Getreideankauf, für Bildung und für Katastrophenhilfe vorgesehen waren, für private Immobilienspekulation und andere Unternehmungen beiseite geschafft. Eine andere Methode, mit der Inhaber von Machtpositionen und ihre Gefolgschaften die öffentlichen Kassen geplündert haben, ist die Inanspruchnahme von Bankdarlehen. Solche Darlehen an Staatsunternehmen und Privatfirmen, die Staatsbeamten und ihren Verwandten gehören, werden in den meisten Fällen nicht zurückgezahlt. Chinesische Banken geben ihre uneinbringlichen Außenstände nur zum Teil öffentlich bekannt. Offiziell wird angegeben, dass 20 Prozent der Darlehen "nicht bedient" werden, aber die tatsächliche Zahl dürfte zwischen 40 und 60 Prozent liegen. Bei internationalen Banken beträgt die Rate der uneinbringlichen Außenstände weniger als 3 Prozent. Im Frühjahr 1998 gaben die staatlichen Banken in Guangdong uneinbringliche Außenstände in Höhe von 200 Mrd. Yuan an, aber Inspektoren aus Peking stellten fest, dass der tatsächliche Wert um das Vierfache höher lag. Gemessen an internationalen Standards sind Chinas Banken bankrott, und zwar abgrundtief. Ein dramatischer Niedergang der Landwirtschaft, zunehmende Wasserknappheit und eine explodierende Bevölkerung haben dazu geführt, dass China große Mengen Getreide von anderen Ländern, einschließlich Indien, kauft. Auch kleinere, aber hochindustrialisierte Länder wie Japan, Taiwan und Korea müssen den größten Teil ihres Getreides importieren, aber China hat wegen seiner Größe einen so ungeheuren Bedarf, dass Experten eine globale Ernährungskrise voraussagen. In China kaufen Spekulanten Ackerland auf, um damit betrügerische Entwicklungsprojekte durchzuführen. Bauern, die wegen Inflation und staatlicher Getreidepreise aufgeben, wandern zu Millionen in die Städte ab, wo sie die ohnehin schon großen Probleme von Kriminalität, sozialer Unruhe und Arbeitslosigkeit noch weiter verschärfen. Zu diesem letztgenannten Problem kommt noch der Versuch, Chinas bankrotte Staatsindustrien zu schließen und Millionen von Arbeitern und Kadern zu entlassen. Zu Beginn dieses Jahres kam es im ganzen Land zu Großdemonstrationen und Unruhen von chinesischen Bauern und unbeschäftigten Arbeitern. Ökologisch war China schon lange vor den durch Maos Großen Sprung ausgelösten Umweltkatastrophen und sogar schon vor dem Beginn der modernen Industrialisierung ein Problemfall. Jedes Stückchen Land, das nur dauerhaft kultiviert werden konnte, war schon vor langer Zeit gerodet und bebaut worden, Wälder und Feuchtgebiete waren in China schon zur Kaiserzeit verschwunden. Im Jahre 1889 schlug im Tempel des Himmels (Tiantan) in Peking ein Blitz ein und brannte ihn bis auf die Grundmauern nieder. Er wurde von den Chinesen Stück für Stück wieder aufgebaut, aber schon damals waren Chinas Wälder so ausgedünnt, dass das Holz für die vier mittleren Säulen aus Oregon importiert werden musste. Die Unfähigkeit der heutigen chinesischen Führung, die Umweltzerstörung zu verhindern oder zumindest einzuschränken, gepaart mit der Besessenheit an größenwahnsinnigen Projekten wie dem Staudamm der Drei Schluchten, lässt es mehr als wahrscheinlich erscheinen, dass China in absehbarer Zukunft von selbst verursachten "Naturkatastrophen" wie der Rekordflut des Jangtse im vergangenen Jahr heimgesucht wird. Die reicheren Küstenprovinzen beginnen, sich vom übrigen Land abzusetzen. Die Volksbefreiungsarmee ist zu einem Imperium aus eigenem Recht geworden, das eigene Industrien, Unternehmen und Fünfsternehotels besitzt - was allerdings die Führung, wenn auch ohne großen Erfolg, einzudämmen versucht. Ein mögliches Szenario der Zukunft Chinas könnte ein Rückfall in die "Periode der Warlords" der zwanziger und dreißiger Jahre sein, als die Provinzen praktisch unabhängig waren und Gruppen von Machthabern nach Gutdünken schalteten und walteten, dabei aber nominell einer schwachen und korrupten Zentralmacht in Peking eine gewisse Anerkennung im Geiste der chinesischen Solidarität zugestanden. Ohne hier genaue Prognosen abgeben zu wollen, ist doch unschwer abzusehen, dass ein schrittweiser und friedlicher Übergang zu einem demokratischen China fast unmöglich ist. Soziale Unruhe findet in China kein anderes legitimes Ventil als Aufruhr und Gewalt. Die Akademie der Sozialwissenschaften in Peking veröffentlichte einen wahrscheinlich untertriebenen, gleichwohl erstaunlichen Bericht, laut dem in den ersten neun Monaten des Jahres 1998 2500 Detonationen von Bomben verzeichnet wurden. In diesem Jahr wurden allein im Januar 12 Bombenexplosionen registriert, bei denen es 33 Tote und über 100 Verletzte gab. Die chinesische Führung ist angesichts dieser Situation sehr nervös, was vermutlich auch ihr hartes Vorgehen gegen die wenigen Mitglieder einer völlig unbekannten und unbedeutenden Gruppe von Demokraten erklärt. Ebenso könnte es eine Erklärung dafür bieten, warum unlängst das Berichten über Erdbeben ohne amtliche Genehmigung für strafbar erklärt wurde. Traditionell haben die Chinesen Naturerscheinungen wie Kometen und Erdbeben als Vorzeichen für das Ende einer Dynastie angesehen. Die Möglichkeit, dass Anarchie und Chaos ausbrechen, ist sehr real. Sollte es dahin kommen, dann würde sich sicher eine Chance auftun, die Unabhängigkeit Tibets zu erreichen. Natürlich müssen wir solche Momente entschlossen und energisch nutzen. Die Chinesen, wie schwach und desorientiert sie auch sein mögen, werden Tibet mit Sicherheit nicht friedlich oder freiwillig hergeben. Zugleich muss betont werden, dass Rangzen nicht erreicht wird, indem man einfach abwartet, bis China sich selbst zerstört. Die Tibeter können den Prozess fördern, indem sie Tibet von innen heraus destabilisieren und internationale wirtschaftliche Aktionen gegen China organisieren. Wir sollten immer daran denken, dass Chinas Ressourcen auch unter den günstigsten Umständen immer begrenzt sind. Berichte, dass Bezirksbeamte monatelang, manchmal sogar ein oder zwei Jahre kein Gehalt ausbezahlt bekommen, sind heute keine Seltenheit. Im Kreis Chabcha in Amdo erhielten örtliche Beamte so lange kein Gehalt, dass zwei verzweifelte chinesische Beamte sich durch Ertrinken im Fluss das Leben nahmen. In der "Autonomen Region Tibet" hingegen (und vor allem in Lhasa) muss Peking, um den Druck auf die "Spalter" aufrechtzuerhalten, sicherstellen, dass alle seine Beamten, der gewaltige Sicherheitsapparat und auch die Informanten regelmäßig bezahlt werden, mag es auch noch so schwer fallen. Noch weit höher sind vermutlich Chinas Kosten für die Bekämpfung des aktiven und zunehmenden Widerstands in Ostturkestan. Auch wenn China letzten Endes doch nicht auseinanderbrechen sollte, sondern durch die heutigen Beschwernisse nur geschwächt wird, so besteht dennoch für die Tibeter die Möglichkeit, eine Situation herbeizuführen oder zu befördern, in der die Ressourcen Chinas in einem gefährlichen Maße überbeansprucht werden und in der sich die Führung in Peking gezwungen sieht, darüber nachzudenken, ob es klug ist, auf Kosten der eigenen Stabilität und Integrität Chinas an den peripheren Kolonien festzuhalten. Eine Studie der vizeköniglichen Regierung in Sichuan unter den Brüdern Zhao Erfeng und Zhao Erxun kam seinerzeit zu dem Schluss, dass sich die Provinz durch die Einsetzung der direkten chinesischen Herrschaft in Osttibet und die Invasion des tibetischen Kernlands 1909 überdehnt hatte, was neben anderen Faktoren wie Steuererhöhungen in der Provinz den Aufstand in Sichuan im September 1911 auslöste. Das wiederum verursachte den Aufstand von Wuchang und führte zum Sturz des Mandschureichs und zur Ausrufung der Republik. Sicher hatte der Sturz der Dynastie noch andere und tiefergehende Ursachen, aber die Revolution von Sichuan, die zum Teil durch die Überdehnung Chinas in Tibet ausgelöst war nach den Worten des Verfassers "der Zünder der Revolution und Teil ihrer Explosivkraft."
W E S H A L B J E T Z T A U F G E B E N ? Es ist sicher unstrittig, dass die Situation in Tibet schlimm ist, besonders im Hinblick auf die chinesische Zuwanderung. Aber das Argument, wir müssten, um die chinesische Zuwanderung zu stoppen, den Freiheitskampf aufgeben und unter chinesischer Herrschaft leben, ist offensichtlich nicht stichhaltig. Haben denn die Chinesen je auch nur angedeutet, dass sie die chinesische Zuwanderung einstellen würden, wenn wir Rangzen aufgeben würden? Oder würde es, wenn wir auf die Unabhängigkeit verzichteten, dazu beitragen, die Menschenrechtsverletzungen in Tibet, die Umweltzerstörung oder den Bau von Abschussrampen für Atomraketen zu beenden? Natürlich nicht. Würde der Freiheitskampf aufgegeben und die Situation in Tibet wäre geregelt und beruhigt, dann würde die chinesische Zuwanderung nach Tibet mit Sicherheit noch zunehmen. Und würde sich die tibetische Führung mit der chinesischen Souveränität über Tibet abfinden, dann wäre die chinesische Zuwanderung im realen Sinne legitimiert, denn ein(e) Bürger(in) eines Landes muss das Recht haben, an jedem gewünschten Ort in dem Land zu leben. Der einzige Weg, die chinesische Zuwanderung nach Tibet zu verhindern, ist, den Freiheitskampf zu intensivieren und Tibet so weit zu destabilisieren, dass kein Chinese den Wunsch hat, in Tibet ein Geschäft aufzumachen, geschweige denn sich dort niederzulassen und eine Familie zu gründen. Aber wie schwer die Tatsache der chinesischen Zuwanderung nach Tibet auch wiegt, wir müssen uns dessen bewusst sein, dass dieser Zustand nicht völlig unumkehrbar ist. Stalin setzte gewaltsam eine massenhafte Zuwanderung von Russen in kleine nichtrussische Gebiete wie Litauen, Lettland und Estland durch. 1939 betrug die Bevölkerung dieser drei Staaten zusammengenommen etwa 6 Millionen, ungefähr soviel wie die Bevölkerung Tibets. Stalin ließ auch Tausende Angehörige der einheimischen Völker dieser Länder hinrichten und Hunderttausende weitere nach Sibirien verschleppen. Die Welt glaubte allgemein, dass diese Länder erledigt seien. In den fünfziger, sechziger und siebziger Jahren schien es, als sei die bloße Existenz dieser Länder aus dem Gedächtnis der Menschheit gestrichen, ungeachtet dessen, dass die offiziell anerkannten Vertreter dieser Nationen weiterhin in London und New York präsent waren. Selbst der in Litauen geborene und aufgewachsene polnische Literaturnobelpreisträger Czeslaw Milosz, der sich im Schlusskapitel seines Buches The Captive Mind für die baltischen Völker einsetzt, hinterlässt den tiefen und bekümmerten Eindruck, dass die Geschichte dieser alten baltischen Völker an ihr Ende gelangt sei, so wie die der Azteken, die von den spanischen Conquistadoren ausgelöscht wurden. Und heute sind diese kleinen Nationen frei, die Ängste und Sorgen der vergangenen Jahre sind verflogen wie böse Träume. Zwar haben diese Staaten noch immer erhebliche russische Bevölkerungsanteile, aber die bilden keine absolute Bedrohung für das Überleben und die Integrität dieser Nationen, so wie es früher empfunden wurde. Wesentlich ist, dass diese kleinen Nationen, von denen man einst glaubte, dass sie vom sowjetischen Totalitarismus und durch die russische Zuwanderung völlig ausgelöscht seien, heute freie Länder sind, über denen ihre alten Flaggen wehen, die ihre eigenen Sprachen sprechen und die in Freiheit leben. Tibet ist selbst während der schlimmsten Periode chinesischer Herrschaft nie so total verschwunden wie die baltischen Staaten. Heute genießt Tibet, dem Zynismus der Regierungen und den Interessen der Geschäftsleute zum Trotz, große Aufmerksamkeit auf der Welt. Gewiss ist das nicht immer die Art von Aufmerksamkeit, die wir uns wünschen. Aber es gibt doch auf der ganzen Welt ein zunehmendes Bewusstsein von Tibet und eine wachsende Anteilnahme an seinem Anliegen. Wenn es eine Zeit gegeben hat, in der man es uns verziehen hätte, wenn wir aufgegeben hätten, dann wären das die sechziger und siebziger Jahre gewesen, als es wirklich so aussah, als würden der internationale Kommunismus und die chinesische Herrschaft über Tibet bis in alle Ewigkeit andauern, und als die meisten Intellektuellen und Prominenten in der freien Welt vom kommunistischen China und von Maos Gedanken berauscht zu sein schienen. Heute erfreut sich Tibet auf der Welt einer beispiellosen Aufmerksamkeit und Sympathie, die sehr beeindruckend ist. Selbst so wichtigen Themen wie der Nordirland- oder der Nahostfrage wird nicht so viel Sympathie und Neugier entgegengebracht wie Tibet. Dass sich das nicht unmittelbar in politische Unterstützung für die tibetische Sache umsetzt, ist sicher bedauerlich. Aber das müssen wir Tibeter wohl zum Teil unserer eigenen Unfähigkeit zuschreiben, der Welt unsere politischen Ziele klar und einleuchtend darzustellen. Tatsächlich haben diese Unstimmigkeiten unter unseren Unterstützern Verwirrung gestiftet und jeden Aktivismus im Namen der Sache erlahmen lassen. Dennoch ist die Chance, dass das internationale Wohlwollen, das Tibet entgegengebracht wird, in aktive Unterstützung für den Freiheitskampf umgewandelt wird, mehr als eine bloße Möglichkeit. Es bedarf keiner großen Phantasie, um zu erkennen, dass wir die geschäftlichen und diplomatischen Interessen Chinas auf der ganzen Welt einfach durch friedliche Aktivität empfindlich treffen könnten - sofern wir nur unsere Ziele erst klar definieren und dann an ihnen festhalten.
S
C H O N D I E B L O S S E H O F F N U N G Natürlich gibt es keine Garantie, dass die Unabhängigkeit in absehbarer Zeit, oder gar noch zu unseren Lebzeiten kommen wird - obwohl ich in gewisser Weise überzeugt bin, dass es so sein wird. Jedenfalls muss nicht besonders betont werden, dass das Festhalten am Ziel von Rangzen unerlässlich ist, wenn es erreicht werden soll. Wir sollten uns daran erinnern, dass unsere Exilgemeinschaft in den schwierigen Anfangsjahren gerade durch die Hoffnung auf Unabhängigkeit stark und einig blieb. Viele der Probleme, die unsere Gesellschaft heute belasten - religiöse und politische Streitigkeiten, Niveauverlust in der Schulbildung, eine beklagenswerte und schändliche Kommerzialisierung unserer Religion, Zynismus in der Verwaltung, Verlust von Selbstachtung und Integrität unter den einfachen Menschen - haben ihre Ursachen eindeutig im allmählichen Nachlassen des Freiheitskampfes im tibetischen Establishment in den letzten zwei Jahrzehnten. Die Hoffnung auf Unabhängigkeit ist lebenswichtig für die Menschen innerhalb Tibets. Die Fortführung des Freiheitskampfes im Exil gab den Menschen in Tibet Hoffnung und, ungeachtet der entsetzlichen Leiden, denen sie ausgesetzt waren, eine gewisse Sicherheit, dass ihre Welt nicht gänzlich untergegangen war. Die Hoffnung auf ein freies Tibet muss immer am Leben gehalten werden, wenn die Tibeter ihre Identität, ihre Kultur und ihre Religion bewahren sollen. Wenn wir uns damit abfinden, ein Teil Chinas zu sein, dann werden wir mit Sicherheit unsere Identität verlieren. Man würde uns vielleicht gestatten, Buddhisten zu bleiben, aber wir sollten uns dessen bewusst sein, dass es in China viele andere Buddhisten gibt. Wir würden lediglich zu einer unter vielen chinesischen buddhistischen Sekten. Ich kenne die alte und oft zitierte tibetische Redensart: "China wird durch seine Paranoia besiegt werden, Tibet durch seine Hoffnungen." Aber in diesem Falleneige ich dazu, eine traditionelle Weisheit nicht gelten zu lassen und stattdessen dem zuzustimmen, was der chinesische Schriftsteller Lu Xun zur Frage der Hoffnung gesagt hat. Seine diesbezügliche Äußerung sollte den Tibetern eine gewisse Beruhigung geben, denn Lu Xun war ein Experte für Chinas Tyrannen in der alten wie auch in der neuen Zeit: "Hoffnung kann weder bestätigt noch widerlegt werden. Hoffnung ist wie ein Pfad auf dem Land: Ursprünglich ist kein Pfad dagewesen, aber wenn die Menschen immer wieder auf derselben Stelle gehen, dann erscheint ein Weg." |
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