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von tibetans für ein unabhängiges Tibet
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Rangzen-Charta
Jamyang Norbu
I N H A L T Einführung
Wenn
man nicht weiß, SENECA
In
der Politik liegt mehr als irgendwo sonst MILOVAN DJILAS
E I N F U H R U N G In Peking sind in diesem Jahr ausgiebige Feiern zum 50. Jahrestag der Machtergreifung Mao Zedongs in China geplant. Es sieht danach aus, dass ganz außerordentliche Sicherheitsmaßnahmen getroffen werden, da den chinesischen Führern zweifellos bewusst ist, dass sich in diesem Jahr auch das Massaker auf dem Tiananmen-Platz zum zehnten Mal jährt. Tatsache ist aber auch, dass in diesem Jahr auch der 10. Jahrestag der Verhängung des Kriegsrechts in Tibet und der 50. Jahrestag des Einmarsches kommunistischer Truppen in Ost-Tibet zu "feiern" ist, wenn man so sagen will. Und vor allem begehen wir in diesem Jahr den 40. Jahrestag des tibetischen Nationalaufstands. So werden also die Sicherheitsvorkehrungen in Lhasa und anderen Teilen Tibets zweifellos genau so gründlich sein. In früheren Zeiten wäre ein solch einzigartiges Zusammentreffen von Ereignissen sicher als Vorzeichen einer gewissen, möglicherweise unmittelbar bevorstehenden Wende im Schicksal der betreffenden Nation gedeutet worden. Aber ob wir solchen Deutungen nun Glauben schenken oder sie im Geiste des Rationalismus verwerfen, wir kommen nicht um die zunehmende und quälende Erkenntnis herum, dass das Jahr 1999 in gewisser Weise für alle Tibeter eine Zäsur bedeutet. Der tibetische
Unabhängigkeitskampf steuert mit Riesenschritten auf eine tiefe Krise
zu, eine Krise, die viel tiefer geht, als dass man sie einfach fehlerhafter
Regierungspolitik oder den Machenschaften von "Unterhändlern",
die im eigenen Interesse und oft auch im eigenen Auftrag handeln, zuschreiben
könnte. Es geht um nichts Geringeres als um die Frage nach Tibets
Identität, nicht nur als Nation sondern als bloße historische
Tatsache. Jiang Zemin hat verlangt, dass der Dalai Lama nicht nur die
tibetische Unabhängigkeit aufgeben soll, sondern dass er sich auch
von dem bloßen Gedanken verabschieden soll, dass ein freies Tibet
in der Vergangenheit je existiert habe. So empörend diese Forderungen
auch sind, sie scheinen, nach der weltweiten Abschwächung des Freiheitskampfes
und besonders nach dem ängstlichen und konfusen Abbruch der kaum
begonnenen, aber vielversprechenden
wirtschaftlichen Kampagne gegen China zu urteilen, auf uns Eindruck gemacht
zu haben.
Ebenso bedeutend ist das schmerzliche politische Scheitern im letzten
Jahr. Vor dem Besuch des Dalai Lama in Washington im November 1998 und
vermutlich als Reaktion auf Jiang Zemins Forderungen gab es mehrere offizielle
Erklärungen, in denen von "größeren Zugeständnissen"
an China die Rede war. In der deutschen Zeitung Die Woche wurde anscheinend
sogar (was später dementiert wurde) ein Versuchsballon gestartet,
indem angedeutet wurde, dass man sich mit Tibet und sogar Taiwan als untrennbaren
Teilen Chinas abfinden könnte. Aber China sah keinerlei Bedarf an
einem Dialog mit dem Dalai Lama und schlug die Tür für Verhandlungen
jeglicher Art zu. So betrüblich und schändlich dieser Vorfall
auch war, er war leider nur der letzte in einer langen Reihe schmählicher
und nutzloser Kapitulationen.
Die Krise, vor der unsere Gesellschaft jetzt steht, ist ohne Zweifel
nicht nur äußerst entmutigend und verwirrend, sondern sie schwächt
uns auch moralisch. Davon zeugen die heftigen religiösen und politischen
Konflikte innerhalb der Exilgemeinschaft und die Suche vieler, vor allem
jüngerer Tibeter nach einem neuen Leben im Westen. Aber solche Krisenzeiten
können auch verborgene Chancen in sich tragen. Die Natur hält
auch für die schlimmsten Katastrophen Kompensationen bereit. Vulkanausbrüche
und Überschwemmungen verursachen gewaltige Zerstörungen und
Leiden, aber sie schaffen auch die Erneuerung des Landes durch die Ablagerung
von reichhaltigen Vulkanböden und fruchtbarem Löss. Große
Krisen künden ihrem Wesen nach einen Wandel an. Ob dieser Wandel
segensreich ist oder nicht, hängt offenbar weitgehend davon ab, ob
die Menschen fähig sind, sich dem Wandel anzupassen und ihn mutig
und effektiv zu nutzen. Das chinesische Wort für Krise, "weiji",
ist aus zwei Zeichen zusammengesetzt: "wei" = Gefahr und "ji"
= Gelegenheit.
D I E G E N E S E D E S F
R E I H E I T S K A M P F E S
Wie schon erwähnt, ist 1999 auch das Jahr, in dem sich der tibetische
Nationalaufstand zum 40. Mal jährt. Die Entscheidung, die das tibetische
Volk damals (und Tibeter in Kham und Amdo schon vorher) trafen, brachte
nicht nur vorübergehende Erleichterung im Kampf gegen den chinesischen
Terror, sondern sie bewahrte Tibet vor schleichender Auslöschung.
Das soll nicht heißen, dass die Widerstandsbewegung militärisch
erfolgreich gewesen wäre oder dass die Art, in der patriotische Amtsträger
wie Lukhangwa oder Lobsang Tashi der chinesischen Besatzungsmacht die
Stirn boten, ein gangbarer Weg gewesen wäre, ebenso wenig soll bestritten
werden, dass der Aufstand von Lhasa eher ein Akt der Ver-zweiflung war
als eine organisierte und geplante Aktion. Aus der historischen Perspektive
kann jedoch kein Zweifel daran bestehen, dass diese Ereignisse in ihrer
Gesamtheit die Flucht des Dalai Lama und seiner Regierung und die Entstehung
der tibetischen Diaspora in der Welt bewirkt haben. Das wiederum schuf
eine neue Möglichkeit, die tibetische Identität und Unabhängigkeit
zu behaupten. Ebenso wenig steht heute außer Zweifel, dass, hätte
sich das tibetische Volk damals nicht gerade so entschieden, die tibetische
nationale und kulturelle Identität heute verschwunden wäre oder
zumindest so weit kompromittiert und geschwächt wäre, dass das,
was davon übrig geblieben wäre, nicht mehr wäre als eine
exotische Touristenattraktion in einem von Chinas "Minderhei-tengebieten".
Wie 1959, so ist auch jetzt das tibetische Volk wieder von der Geschichte
aufgerufen, eine Wahl zu treffen. Noch immer, nach Jahrzehnten seelenzerstörender
kommunistischer Indoktrination unter einem der grausamsten und erbarmungslosesten
Unterdrückungssysteme der Welt, widersetzt sich die Hoffnung des
tibetischen Volkes innerhalb Tibets hartnäckig der Vernichtung, was
erst kürzlich wieder seinen Ausdruck in Demonstrationen und Hungerstreiks
im Gefängnis Drapchi fand und mit der Erschießung und Hinrichtung
einer unbekannten Zahl von Gefangenen endete. Im Exil legen - ungeachtet
der Verwirrung, des Zynismus, der Apathie und der Zersetzung der politischen
und moralischen Integrität - das Selbstopfer Thupten Ngodups und
der Mut und die Entschlossenheit der Hungerstreiks unter Führung
des Tibetischen Jugendkongresses im vergangenen Jahr Zeugnis ab von der
Tiefe der nationalen Gefühle im Volk.
T I B E T H E U T E : D I E
R E A L I T A T
All dies geschieht zu einer Zeit, da die chinesische Unterdrückung
in Tibet ihr brutalstes und erbarmungslosestes Ausmaß seit Beginn
der sogenannten "Liberalisierung" erreicht hat, und alle Anzeichen
sprechen dafür, dass es noch schlimmer wird. In China selbst haben
wir - entgegen allen Spekulationen und grundlosen Hoffnungen, dass das
Land demokratischer (und von daher, so die Theorie, zugänglicher
für den Dialog mit dem Dalai Lama) werden würde - Ende 1998
Massenverhaftungen von Demokratie-Aktivisten erlebt, und wir vernahmen
am 18. Dezember 1998 Jiang Zemins eindeutig unversöhnliche Erklärung
an die gesamte Nation, dass China niemals den Pfad der Demokratie beschreiten
werde. Um dieser Botschaft Nachdruck zu verleihen, wiederholte Jiang sie
einige Tage später, wobei er außerdem bekräftigte, jede
Infragestellung des Machtmonopols der Kommunistischen Partei im Keim zu
ersticken. Unmittelbar darauf nahm er die Medien- und Unterhaltungsindustrie
ins Visier, indem er allen, die der "Anstiftung zur Untergrabung
der Staatsmacht" für schuldig befunden werden, harte
Strafen androhte. Davon betroffen sind Printmedien, Musik, Film, Fernsehen,
Videoaufzeichnungen und alles sonstige Material, das "die Gesellschaftsordnung
gefährdet". Dieser jähe Rückfall in einen harten Kurs
folgte fast unmittelbar auf den Beitritt Chinas zur Konvention über
Bürgerrechte und politische Rechte im Oktober 1998.
Die Unterdrückung in Tibet ist immer um einiges brutaler und gnadenloser
gewesen als in China. Sie wies auch eindeutige Merkmale von Rassismus
und Völkermord auf, die mit dem von der tibetischen Regierung und
ihren Unterstützern gewöhnlich verwendeten Begriff "Men-schen-rechtsver-letzungen"
nur unzureichend beschrieben sind. Es gibt heute vermutlich keinen anderen
Ort auf der Welt (ausgenommen vielleicht Nordkorea), in dem solche stalinistischen
Polizeistaatmethoden herrschen wie in Tibet, am augenfälligsten in
der Stadt Lhasa. Das wird von westlichen Touristen, Tibet-Experten auf
Besuch und sogar von naiven exiltibetischen Besuchern weitgehend übersehen
- sie wissen zu wenig von den Tarnkünsten des totalitären chinesischen
Systems und sind, ohne es zu wollen, beeindruckt von Chinas schöner
neuer kapitalistischer Gesellschaft und lassen sich vielleicht auch manchmal
von den sich bietenden Gelegenheiten verführen.
Aber hinter der Fassade von Diskotheken, Karaoke-Bars und Viersternehotels
wird die unverblümte chinesische Politik der "gnadenlosen Repression"
und der "eisernen Hand" rigoros durchgesetzt. Zwangsarbeitslager
(laogaidui), Polizei, das Büro für öffentliche Sicherheit
(gonganju), die bewaffnete Volkspolizei, das Militär und das Kontrollsystem
danwei (eine kommunistische Verfeinerung des traditionellen baojia-Systems
der gegenseitigen Überwachung), ergänzt durch Arbeitseinheiten,
Umerziehungsgruppen, Nachbarschaftskomitees, Nachbarschafts-Sicherheitsabteilungen
und -informanten - sie alle operieren frei und unverhüllt. Sie werden
durch nichts gezügelt, das auch nur entfernt an unabhängige
Gerichte, eine freie Presse, Bürgergremien, unabhängige Beobachterorganisationen,
moralische oder religiöse Stimmen, die Präsenz auch nur eines
einzigen Vertreters der Weltmedien oder an rebellische Studenten erinnert.
Selbst in den am schlechtesten regierten Ländern in Südostasien,
Südamerika oder Afrika findet man normalerweise die eine oder andere
derartige Institution, die diese von den Chinesen in Tibet ungestraft
praktizierte Form absolutistischer Tyrannei behindert, wenn nicht gar
verhindert.
Der Besitz eines Bildes des Dalai Lama ist jetzt ein Straftatbestand,
auf den langjährige Freiheitsstrafen stehen. In allen Klöstern
in Tibet werden Mönche jetzt gezwungen, sich politisch umerziehen
zu lassen. Die Kontrolle der Partei über die Klöster ist total,
und die Zahl der Neueintritte ist streng geregelt. Selbst in der offiziellen
Tageszeitung Tibet Daily sind Berichte erschienen, dass Klöster in
Osttibet geschlossen werden und viele andere in Kampagnen, die in beängsti-
gender Weise an die Kulturrevolution erinnern, regelrecht zerstört
werden. Aus der "Autonomen Region Tibet" ist glaubhaft berichtet
worden, dass u.a. so wichtige Institutionen wie das 700 Jahre alte Jonang
Kumbum und das seit dem 12. Jahrhundert bestehende Nonnenkloster Rakhor
zerstört und geschlossen worden sind.
Die chinesische Führung scheint erkannt zu haben, dass die Stärke
der tibetischen kulturellen und nationalen Identität es den Tibetern
unmöglich macht, die chinesische Herrschaft zu akzeptieren. Der Parteisekretär
von Tibet, Chen Kuiyuan, hat sich sehr offen geäußert und erklärt,
der Feind der völligen Integration Tibets in China sei die tibetische
kulturelle Identität. Das ist der Grund dafür, dass die tibetische
Religion, Kultur und Literatur, die in den letzten 15-20 Jahren einen
begrenzten Freiraum hatte, jetzt wieder stranguliert wird. Die tibetische
Sprache wird durch die offizielle chinesische Politik aktiv behindert
und ist sogar vom Aussterben bedroht.
Neben der Unterdrückung der Tibeter ist die tibetische Identität
hat auch die zunehmende chinesische Zuwanderung nach Tibet effektiv zur
Zersetzung der tibetischen Identität beigetragen. Die Folge ist große
Arbeitslosigkeit und rasche Verarmung der tibetischen Bevölkerung,
begleitet von sozialen Folgeproblemen wie Alkoholismus, Kriminalisierung
und sexueller Entwürdigung.
D
A S E R B E V O N R A N G Z E N
Es gibt nur wenige Völker auf der Welt, die so sehr von der Natur
ihres Landes geprägt sind wie die Tibeter. Die nationale Identität
der Tibeter ist nicht nur ein Produkt ihrer Geschichte oder ihrer Religion,
sondern sie ist tief im tibetischen Land verwurzelt. Die Tibeter sind
Menschen, die hoch oben auf dem großen tibetischen Hochland und
getrennt vom Rest der Welt leben und dort immer gelebt haben. Die Reise
aus den umliegenden tibetisch besiedelten Tiefländern in Nepal, Indien
und China ist nicht nur unverwechselbar und dramatisch, sondern auch ein
Übergang in eine andere, einzigartige Welt.
Nur wenige andere Völker - mit Ausnahme vielleicht der Eskimos,
Beduinen und Südseeinsulaner - sind so sehr von der Geographie und
vom Klima geprägt wie die Tibeter. Aber schon sehr früh in ihrer
Geschichte schafften es die Tibeter, über diese lediglich umweltbdingte
Affinität hinauszugehen und mit der Vereinigung der verschiedenen
Königreiche und Stämme im gesamten Hochland eine mächtige
nationale Identität zu schaffen. Das Gefühl von Ehrfurcht und
Stolz, das diese ersten Bewohner eines geeinten Tibet für ihre neue
Nation empfanden,
kommt im folgenden Auszug aus einem alten Lied über das Erscheinen
des ersten Kaisers von Tibet zum Ausdruck:
Die Mitte des Himmels, Zwar endete die kaiserliche Periode in der tibetischen Geschichte um
das 10. Jahrhundert, aber ihr nationales Vermächtnis war bleibend.
Später ließen sich Monarchen wie Phagdru Jangchub Gyaltsen
(1302-1364) und der große 5. Dalai Lama (1617-1682) bei ihren Bemühungen
um die Schaffung eines vereinten und freien Tibet bewusst von dem kaiserlichen
Zeitalter inspirieren. In jüngerer Zeit war der unermüdliche
und gewaltige Kampf des großen 13. Dalai Lama (1876-1933) um die
Wiedergewinnung und später Verteidigung der tibetischen Unabhängigkeit
ebenso ein Ausdruck dieses Erbes nationaler Freiheit, das die Tibeter
während ihrer gesamten Geschichte bewahrt haben.
Es ist von absolut grundsätzlicher Bedeutung, dass wir Tibeter
verstehen, wie alt und wie legitim unsere Ansprüche auf Eigenstaatlichkeit
sind. Viele Nationen dieser Welt sind in gewissem Sinne weitgehend Produkte
der Geschichte. Die Vereinigten Staaten, Kanada und Australien beziehen
ihre eigentlichen nationalen Ursprünge nicht aus dem Land, wie Tibet
es tut. Andere Länder, wie etwa Kuwait, Jordanien, Singapur und einige
afrikanische Staaten sind Geschöpfe der westlichen Kolonialpolitik
oder aus den Trümmern der Kolonialherrschaft entstanden. In noch
jüngerer Zeit entstanden als Folge des Zusammenbruchs der ehemaligen
Sowjetunion Länder wie Turkmenistan, Usbekistan, Kasachstan usw.
- Länder, die in der Geschichte nie als Nationen existiert haben.
Das soll nicht heißen, dass Tibet ein größeres Recht
hätte, als Nation zu existieren, als diese Länder - schließlich
ist es das natürliche und fundamentale Recht aller Völker, über
ihr Leben zu bestimmen - aber es soll die Tatsache unterstreichen, dass
Tibets Status als Nation mindestens ebenso legitim ist wie der jedes anderen
Landes. Dass wir dem Völkerbund oder den Vereinten Nationen nicht
beigetreten sind, oder dass manche Großmächte Tibet nicht als
Nation anerkannt haben, weil sie ihre Handelsbeziehungen zu China nicht
gefährden wollten, tut dieser Legitimität keinen Abbruch.
Die Tatsache, dass Tibet über längere Zeiträume seiner
Geschichte von fremden Mächten erobert war oder dass manche tibetische
Herrscher ausländische militärische Unterstützung in Anspruch
nahmen, um das Land politisch unter ihre Kontrolle zu bringen, ist ebenfalls
ohne Bedeutung für seinen rechtmäßigen Status als freie
Nation. Selbst als im 18. und 19. Jahrhundert die militärische und
politische Macht Tibets sehr darniederlag und das Land weitgehend von
den Mandschuren beherrscht wurde, wurde die Einzigartigkeit der tibetischen
Zivilisation und die rassische und nationale Identität des Landes
von den Menschen in ganz Asien anerkannt, nicht zuletzt von den Mandschu
selbst, die nur Mandschu und Mongolen von hoher Geburt als Kommissare
in Tibet einsetzten, aber nie einen Chinesen. Tatsächlich wurden
die Beziehungen des Mandschu-Reichs zu Tibet durch das Li Fan Yuan (eines
von zwei "Departements" im Mandschu-"Außenministerium")
wahrgenommen, dem auch die Beziehungen zwischen dem Mandschu-Hof und den
mongolischen Fürsten, Tibet, Ostturkestan (Xinjiang) und Russland
oblagen. Tibet und besonders seine Hauptstadt Lhasa galt bei den Burjaten
und Kalmyken in Russland ebenso wie bei Millionen von Mongolen als das
Zentrum ihrer Kultur und ihres Glaubens. Der russische Forscher Przewalski
schickte 1878 ein Memorandum an die Geographische Gesellschaft und das
Kriegsministerium: "
Er malte ein Bild von Lhasa als dem Rom
Asiens, dessen spirituelle Kraft sich von Ceylon bis nach Japan über
250 Millionen Menschen erstreckt: das wichtigste Ziel für die russische
Diplomatie."
Es gibt vermutlich kein Land auf der Welt, das nicht zu irgendeiner
Zeit unter Fremdherrschaft gestanden hätte. Wenn überhaupt welche,
dann könnten nur wenige Mitgliedstaaten der UNO auf staatliche Unabhängigkeit
pochen, wenn sie eine Geschichte dauerhafter und ungeschmälerter
Unabhängigkeit nachzuweisen hätten. Wie der irische Delegierte
1960 in der Tibet-Debatte der UNO ausführte, würde es die meisten
der in der Vollversammlung vertretenen Länder nicht geben, wenn sie
beweisen müssten, dass sie in der Vergangenheit niemals von einem
anderen Land beherrscht worden seien.
Großbritannien war fast 400 Jahre lang ein Teil des Römischen
Reichs. Russland stand über zwei Jahrhunderte unter der Herrschaft
der Mongolen, und wie jeder weiß, begannen die USA als britische
Kolonie. China selbst ist sowohl von den Mongolen als auch von den Mandschu
beherrscht worden, und es wurde mehrfach von den Tibetern im Krieg besiegt,
die im Jahre 763 sogar die Hauptstadt Chang An einnahmen und kurze Zeit
besetzt hielten. Wenn die Chinesen heute - offensichtlich aus Gründen
der Selbstrechtfertigung - geltend machen, dass die mongolischen und mandschurischen
Eroberer reguläre chinesische Dynastien waren, dann können sie
damit doch nicht wirklich den Fremdenhass verschleiern, den sie gegenüber
ihren Fremdherrschern empfanden (und auch heute noch zu empfinden scheinen).
Nach dem Sturz der Mandschu-Dynastie kam es in Städten wie Xi'an
zu Massenmorden an Mandschuren. Und um auch das nicht zu vergessen: Ein
großer Teil Chinas stand in diesem Jahrhundert unter japanischer
Besatzung.
Rangzen ist ein Vermächtnis, das uns von zahllosen Generationen
von Tibetern hinterlassen ist. Aber noch wichtiger ist, dass Rangzen das
Geburtsrecht für weitere künftige Generationen von Tibetern
ist. Niemand hat heute das Recht, eine Entscheidung zu treffen, die ihnen
dieses Vermächtnis von Leben und Freiheit in Zukunft in Frage stellt
oder abspricht.
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